Donnerstag, 15. Dezember 2011

Toxische Suppen und die Lernhemmung

Wir leben gegenwärtig in den Nachwehen der gravierendsten globalen Finanzkrise seit der Großen Depression. In ihrem Gefolge kam es in vielen Ländern zur schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930iger Jahren. Prof. Helge Peukert fragt sich: Was haben wir bislang daraus gelernt? Stellt sich die Weltgesellschaft (Öffentlichkeit, Medien, Politik, Wissenschaft usw.) in angemessener Art und Weise dieser historischen Herausforderung der globalen Wirtschaftsgeschichte?

Bis heute ist nicht geklärt, was (den) entscheidenden Anteil an der Megakrise hatte. War es die Komplexität, die Größe, das Tempo oder die globale Natur der Finanzmärkte? Waren es die niedrigen Zinsen, die Komplexität der Derivate, falsche Ratings, stagnierende Löhne, unerwartete Preisentwicklungen am Häusermarkt, eine laxe Hypothekenpolitik, lasche Aufsichtsbehörden oder eine zu hohe Verschuldung der Finanzunternehmen oder ganzer Volkswirtschaften oder ... oder ...?

Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass alle aufgezählten Formen des Markt- und Staatsversagens gemeinsam eine Rolle gespielt und sich dabei gegenseitig in Form kumulativer Verursachung verstärkt haben. In jedem Fall hat die Finanzkrise das elementare Urvertrauen sehr vieler Menschen in das System als solches in Frage gestellt: Kompetente Bankdirektoren, Weltklassemanager, verantwortungsvolle Regulatoren und nicht korrumpierbare Ratingagenturen erwiesen sich als „entzauberte Köche toxischer Suppen“.
Die wohl wichtigsten Maximen oder Glaubenssätze waren:
  • ein moderner Finanzsektor bringt Innovationen hervor, die per se als fruchtbar zu bewerten sind und die partieller Deregulierung des Bankensektors bedürfen,
  • der Finanzsektor ist eine Wachstumsbranche, die für modernen Strukturwandel steht – Wall Street als Modell für den Rest der Welt,
  • Globalisierung, die ja in weiten Teilen die globalisierten Finanzmärkte meint, wird pauschal und unkritisch positiv als wohlfahrtssteigernd für alle Beteiligten angesehen.
Klar und einfach ausgedrückt lautete die Devise der letzten Jahrzehnte: Der private Finanzsektor weiß am besten wo es langgeht und sollte so weit wie möglich in Ruhe gelassen werden. Die durchgehende Linie der These unschlagbarer Märkte zieht sich in der Ökonomie von Adam Smith über HayekFriedman, die Varianten der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie und der Theorie rationaler Erwartungen bis hin zu zeitgenössischen Ökonomen. Auch Alan Greenspan beteuert noch 2007 seinen abgrundtiefen Glauben an die „unsichtbare Hand“ und sieht den Staat und seine Institutionen lediglich in der Rolle des Feuerwehrchefs, der systemische Verantwortung übernimmt.
„Da die Märkte zu komplex für menschliche Interventionen geworden sind, ist die beste Krisenpolitik immer noch die, die dem Markt ein Maximum an Flexibilität einräumt. Das bedeutet Handlungsfreiheit für die wichtigsten Marktteilnehmer wie Hedge Funds, Kapitalgesellschaften und Investmentbanken. Die Beseitigung von Ineffizienzen des Finanzmarktes erlaubt es liquiden Märkten, Ungleichgewichte selbst zu bereinigen,“ meinte Greenspan und war sich sicher, „dass Banken sehr viel besser in der Lage sind, andere Banken und Hedge Funds zu kontrollieren als staatliche Regulierungsbehörden mit ihren lehrbuchmäßigen Vorschriften.“ Es wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben, was ein solcher Marktradikaler an der Spitze der FED sollte.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Klüngelei

...oder: Wie man sich in der wunderbaren Finanzwelt eines lästigen Konkurrenten entledigt.

So manchen interessierten Zeitgenossen wird sicherlich schon einmal die folgende Frage bewegt haben: ‚Wieso ist eigentlich ausgerechnet Goldman Sachs bislang so gut durch die Finanzkrise gekommen, die in 2008 durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ins Rollen kam?‘

Nun, Verschwörungstheoretiker haben die Antwort darauf natürlich schon lange gewusst:
‚Weil der Ex-Goldman Sachs-Mann Henry (‚Hank‘) Paulson seinerzeit gerade US-Finanzminister war.‘

Lehman Brothers galt vor der Krise als Nummer 4 unter den Investmentbanken der USA, nach Goldman Sachs, Morgan Stanley und Merrill Lynch. Nachdem die amerikanische Regierung im Herbst 2008 drei große Banken (Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac) mit Milliarden Dollar gestützt hatte, war der politische Druck, weitere Banken nicht aufzufangen, so groß geworden, dass Paulson (Gegenspieler des Lehman-Vorstandsvorsitzenden Richard Fuld) nach der Absage der englischen Barclays-Bank, sich an Lehman zu beteiligen, keine weitere Unterstützung bereitstellte, was – entgegen dem bisherigen Grundsatz too big to fail – zur Insolvenz von Lehman führte.

Jetzt weiß man definitiv, dass Paulson bereits Monate vor der Lehman-Pleite mit Goldman Sachs Managern über diese Möglichkeit sprach. Kein Wunder also, dass Goldman Sachs selbst im entscheidenden Moment dann fast keine Positionen mehr mit Lehman hatte. 




Für eine derartige Insiderinformation dürfte wohl der gemeine Hedgefonds-Manager einen Haufen Geld auf den Tisch legen. Und, sofern er dabei erwischt würde, wohl auch mit einiger Sicherheit in den Knast wandern. Aber als US-Finanzminister mit Goldman-Vergangenheit scheint man sich das wohl erlauben zu dürfen ...?

Wer allerdings glaubte, dass die Drehtürpolitik, bei der die personellen Verflechtungen zwischen Wissenschaft, Politik und Finanzwelt auf das Verhältnis zwischen Washington und Wallstreet begrenzt seien, verkennt den Stand der internationalen Entwicklung. Die Goldman-Connection hat sich jetzt auch in Europa entscheidende finanzpolitische Positionen gesichert: Nach Otmar Issing, seit 2007 International Advisor von Goldman Sachs, der die Bundesregierung 2008 bei der Reform der internationalen Finanzmärkte beriet, hat die Investmentbank inzwischen mit Mario Draghi als EZB-Chef, Lucas Papademos als neuem griechischen Premierminister (hat vor einem Jahrzehnt den Beitritt Griechenlands in die Eurozone vorbereitet. Beim entsprechenden Präparieren der Bilanzen, dem Verschleiern der tatsächlichen Verschuldung, half Goldman Sachs) und Mario Monti als neuem italienischen Ministerpräsidenten drei ihrer Ehemaligen (bzw. Mitstreiter) mitten im Zentrum der europäischen Geldpolitik platziert.

Wer mehr über Goldman Sachs erfahren möchte, dem sei dieser ARTE-Film empfohlen:

Goldman Sachs - Eine Bank lenkt die Welt

Dienstag, 29. November 2011

Zeichen eines Wohlstandsprojekts?


„Die Globalisierung, bei allem, was bestritten wird, ist natürlich weltweit ein Wohlstandsprojekt." So Wolfgang Schäuble jüngst in Frankfurt.

Der Vogel Strauß steckt den Kopf in den Sand und erfreut sich am warmen Wind, der über seinen Rücken streicht – bis ihm klar wird, dass sein Kopf nicht im Sand, sondern im Unrat der Slums der Megacities steckt, den ein ständig wachsendes Millionenheer von Armen produziert hat, und dass ihm nicht der Duft von frischer Erde entgegenschlägt, sondern der Geruch von hungernden Kindern, von denen alle fünf Sekunden eines auf der Welt stirbt, und dass er nicht das ferne Trappeln von frei lebenden Steppentieren wahrnimmt, sondern die hastigen Schritte verzweifelter Menschenmassen auf der Suche nach Arbeit, und dass der warme Wind auf seinem Rücken vom Verbrennen der von Menschenhand im Namen des Wirtschaftswachstums gefällten Bäume herrührt.


Warum sagt es denn keiner, dass es die Herren des globalisierten Kapitals sind, die täglich über Leben und Tod von über zwei Milliarden Hungernden auf der Welt entscheiden: Durch ihre Investitionsstrategien, ihre Währungsspekulationen und die politischen Bündnisse, die sie eingehen. Die Lösung liegt eindeutig und ausschließlich in einer umfänglichen, radikalen Reform des bestehenden Geld- und Finanzsystems.

Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Knapperes Ackerland, mehr Hunger" vom 28.11.2011


Montag, 28. November 2011

pinkepinke: Ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig?

pinkepinke: Ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig?: Es gibt bei zeitgenössischen Ökonomen offensichtlich eine gesteigerte Tendenz, wirtschaftliche Beratung zu entmenschlichen und die wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu Gunsten der Betonung von Nicht-Themen zu ignorieren...


Hierzu eine Rede der griechischen Publizistin und Ökonomin Nadia Valavani, gehalten am 18. November 2011 in Frankfurt. Ein Kerngedanke ihrer Rede: „Hier und heute findet in Griechenland ein gigantisches gesellschaftliches Experiment statt. Wir sind zu Versuchstieren gemacht worden, um beispiellose Maßnahmen auszuprobieren und Schlussfolgerungen zu ziehen, bevor die gleichen Maßnahmen den anderen europäischen Ländern auferlegt werden. In nur 18 Monaten ist das 20. Jahrhundert im Bereich der Arbeitsrechte ganz abgeschafft worden.“




Donnerstag, 24. November 2011

Bemerkenswerte Aussagen

Am 18. November 2011 hielt Bundesfinanzminister Schäuble beim European Banking Congress (EBC) in Frankfurt eine von den Mainstream-Medien leider wenig beachtete Rede mit einigen bemerkenswerten Aussagen. Was Schäuble vor der Elite der Finanzwirtschaft zum Besten gab, verdient aber sehr wohl die allgemeine Beachtung und ist deshalb auch einige erläuternde Bemerkungen wert.



„Die Ursache der Krisen, die wir seit 2008 erleben in unterschiedlichen Formen, sind im Wesentlichen zwei: Das eine ist der Mangel an Regulierung, die alte Erfahrung, dass es ganz ohne Regulierung nicht geht. [Das andere:] Wir haben ein Übermaß an Schulden. Wir haben als Folge davon ein Übermaß an Liquidität ... und wir haben einen Mangel an Regulierung.“
Zum einen befindet sich die Politik nicht nur in der akuten EU- und Euro-Krise und nicht erst seit 2008 in den Fängen der Finanzindustrie, weswegen sie auch zu durchgreifenden Reformen nicht bereit ist. Das führt zum anderen zu der Feststellung, dass nicht die mangelnde Regulierung und die übermäßigen Schulden die Ursachen für die Krisen sind, sondern die Untätigkeit der Politik, beides zu beenden. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass sie sich als unfähig erweist, die Fehlersuche über den auch bei ihren Beratern üblichen Mikroblick des etablierten und befürworteten Finanzsektors hinaus zu betreiben.

Donnerstag, 17. November 2011

U.S. National Debt Clock

"Die Staatsverschuldung der USA ist auf mehr als 15 Billionen Dollar (etwa elf Billionen Euro) angestiegen. Wie das Finanzministerium in Washington mitteilte, lag das Haushaltsdefizit am Dienstag bei 15.033 Milliarden Dollar - und damit fast 56 Milliarden Dollar höher als noch am Vortag. Der Betrag entspricht 99 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA. Mit diesem Betrag hatte das Weiße Haus eigentlich für das gesamte Jahr 2011 gerechnet."


pinkepinke: U.S. National Debt Clock : Real Time: U.S. National Debt Clock : Real Time US-nationale Schuldenuhr in Echtzeit Aber nicht vergessen: Die Schulden der einen sind die Verm...

Vorahnung?


 „Es folgte eine Abrechnung mit den Auswüchsen der internationalen Finanzmärkte, die auch von einem Sprecher der Occupy-Bewegung hätte stammen können.“ 


Ich weiß auch nicht warum mir beim Lesen dieses Satzes sofort jene possierlichen Nagetiere in den Sinn kamen, die früher an Bord eines Schiffes versuchten, sich in Sicherheit zu bringen, wenn dieses - etwa aufgrund der Löcher, die sie selbst in den Rumpf genagt hatten - unterzugehen drohte.




Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "The Joe must go on" vom 16.11.2011

Mittwoch, 16. November 2011

Was wissen die Medien über das Geldsystem?


Wenn die Deutschen nicht genug über die EZB wissen, dann liegt das möglicherweise daran, dass die Massenmedien sich bei ihrer Berichterstattung meist in feuilletonistischer Beschreibung des politischen Aktionismus beim Herumdoktern an den Symptomen des kranken Geld- und Finanzsystems erschöpfen.

 

Wollen sie nicht, können sie nicht oder dürfen sie nicht an die Wurzel des Übels herangehen und auf die eigentlichen Ursachen von wachsender Umweltzerstörung, zunehmender Armut und deren tödlichen Folgen sowie exponentiell  explodierender Vermögen weniger zugunsten der entsprechend steigenden Schulden vieler in der Welt hinweisen? Wollen sie nicht, können sie nicht oder dürfen sie nicht über alternative Lösungsansätze berichten, die nicht von den Nutznießern des jetzigen Systems vorgeschlagen werden?

Ich gestatte mir einen dezenten Hinweis an die Redaktionen, falls es dort in Vergessenheit geraten sein sollte: Googlen Sie doch mal wieder. Nach „Geldschöpfung aus dem Nichts“ und „Zinsen“, die nicht mitgeschöpft werden. Vielleicht fangen Sie aber auch gleich hier an: http://goo.gl/Vn7Pt


Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Was die Deutschen über die EZB wissen" vom 14.11.2011
 

Dienstag, 15. November 2011

He did it again

September 21, 2011: Congressman Dennis Kucinich (D, Ohio, 10th District) introduced (again) an employment bill reforming the US money system: The NEED Act proposes a historic money reform, containing all the monetary provisions of the American Monetary Act including ending “fractional reserve” banking.

Kucinich  took a crucial and heroic step to resolve the growing financial crisis and achieve a just and sustainable money system for the US by introducing the National Emergency Employment Defense Act of 2011 (HR 2990), abbreviated NEED. Read his bill

 or watch the videos


Learn How the American Monetary “NEED” Act Works!

Freitag, 4. November 2011

Griechenland, du arme Sau!


Haben wir wirklich eine Euro-Krise? Und wenn ja, warum? Was steckt hinter dem Getöse um Griechenland, dass seit Monaten um den Globus hallt? – Der Versuch einer Bestandsaufnahme:


Griechenland ist nicht erst seit knapp zwei Jahren überschuldet, sondern war es bereits bei seinem Beitritt zur Euro-Zone in 2001. Um die Aufnahme des Landes zu ermöglichen, wurden jedoch seinerzeit federführend durch die US-Investmentbank Goldman-Sachs Bilanzen und Schuldenstände geschönt und wider besseres Wissen Solidität bescheinigt – also massiv betrogen.

Seitdem war Griechenland einer der größten Subventionsempfänger der EU und zugleich einer der größten Kreditnehmer französischer und amerikanischer Banken, ohne dass sich darüber irgendjemand besonders aufgeregt hätte.



Plötzlich, zu Beginn 2010, rückte dann die Überschuldung Griechenlands ins allgemeine Bewusstsein. Warum?

In den USA wurde die Dollar-Vermehrung durch die FED zum Problem. Das Land braucht nämlich jährlich mehr als 400 Milliarden Dollar Zufluss, vor allem wohl um sein Militär und sein Weltfinanzimperium zu finanzieren. Als sich dann herumzusprechen begann, dass der Dollar durch nichts mehr gedeckt ist (Fiat-Money) und wichtige Rohstoffländer (z.B. Russland) den Dollar als Gegenwert für ihre wertvollen Güter nicht mehr akzeptierten, als darüber hinaus sogar die Flucht aus dem Dollar in den Euro einsetzte, mussten die USA diese Fluchtbewegung stoppen.
Die drei großen (und weltweit einzig relevanten) Ratingagenturen, allesamt ansässig in den USA und personell sowie gesellschaftsrechtlich aufs engste mit dortigen Banken und der Regierung verbandelt, stuften im Höhepunkt der Fluchtbewegung die besonders verschuldeten Euro-Länder (Griechenland, Irland und Portugal) in ihrer Bewertung herunter. So wurde von der Dollar-Krise abgelenkt und es stand auf einmal die Euro-Krise im Vordergrund der Finanzprobleme. 

Zum Triple-A Märchen ein interessanter Blog-Beitrag in "Der andere Ökonomie Blog".

Seitdem häufen sich Verstöße gegen Satzungen, Strafgesetze, Verträge und Verfassungen ohne Konsequenzen für die Täter, die sich im Schutze ihrer strafrechtlichen Immunität gerne mit der Alternativlosigkeit ihrer Entscheidungen herausreden:

  • Die FED hat satzungswidrig im Herbst 2010 durch 600 Milliarden Dollar frisch gedruckten Geldes die Liquidität der USA erhalten, um damit das Ausbleiben des früheren Dollarzuflusses aus der Welt auszugleichen.
  • Die EZB hat von September 2010 bis April 2011 den notwenigen Dollar-Zufluss dadurch sichergestellt, dass sie satzungswidrig für 500 Milliarden Euro Dollar aufgekauft und damit den Druck auf den Dollar genommen hat. Faktisch war dies eine Veruntreuung am Euro, denn jeder weiß, dass der Dollar nichts mehr wert ist. Das EZB-Präsidiumsmitglied Weber hat dies nicht verhindern können und durch Rücktritt protestiert.
    Griechenland war mit über 360 Milliarden Euro vor allem bei französischen und bei US-Banken verschuldet. US-Versicherungen hatten den Zahlungsausfall auch noch versichert. Deshalb haben offensichtlich die USA und Frankreich Druck auf andere Staaten, vor allem Deutschland, ausgeübt, durch den angeblichen Schutzschirm Mithaftung für Griechenlands Schulden zu übernehmen, damit die Banken ihre Kredite nicht abschreiben muss­ten. Praktisch war also die Griechenland-Hilfe Banken-Hilfe. Griechenland wurde dadurch nicht entlastet.
  • Die französischen Banken waren Hauptgläubiger Griechenlands und standen nun unter besonderem Druck. Der französische Präsident Sarkozy hat deshalb seinen früheren Banker-Kollegen Trichet dazu gebracht, zunächst 60 Milliarden Euro Griechenlandkredite der französischen Banken in die EZB zu übernehmen, obwohl dies gegen Artikel123 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) verstößt. Damit hatte die EZB ihren stabilitätsorientierten Kurs verlassen und den Euro entscheidend geschwächt. Es fällt schwer, den Vergabe-Komitees für den Karls-Preis in Aachen sowie für den Weltwirtschafts-Preis in Kiel zu Gute zu halten, dass ihnen diese Zusammenhänge bei ihren Entscheidungen für Herrn Trichet Preisträger nicht bekannt waren.
  • Seit über einem Jahr fließt nun deutsches und EU-Geld nach Griechenland, um angeblich die Zahlungsfähigkeit Griechenlands zu erhalten und Griechenland zu sanieren. Tatsache aber ist, dass in der gleichen Zeit mehr Geld aus Griechenland geflüchtet ist als durch die Hilfe von außen hineinkam, dass sich in diesem Jahr die Situation Griechenlands trotz der Zahlungen keinesfalls gebessert, sondern sogar verschlimmert hat und dass die Griechen das von ihnen verlangte Sparen und Selbstentschulden ablehnen. Die den Euro-Bürgern – insbesondere Deutschland – zugemutete Hilfe und Haftung für Griechenland hat also nichts verbessert und nicht den Griechen, sondern zu Lasten der Steuerzahler nur den internationalen Gläubigerbanken geholfen.
  • Zahlungen für Griechenlands Gläubigerbanken für Frau Merkel ohne Alternative. Trotz Misserfolg des ersten wird deshalb in weiteren Zahlungsprogrammen zusätzliches Geld versenkt, treibt die Regierung die deutsche Verschuldung für Griechenland – eigentlich für die Banken Griechenlands – in Größenordnungen, die von dieser Generation nicht mehr abzubezahlen sind. Sie werden also noch die Zukunft und die Renten unserer Kinder und Enkel belasten.
  • Mit dem ESM schließlich werden die Regierungen dann nach der Währungs- auch die Schulden- und Haftungsunion unterzeichnet und sogar die Finanzobersouveränität in Europa an einen nicht kontrollierten und mit ­finanzpolitischer Allmacht ausgestatteten Gouverneursrat abgegeben haben. Nicht mehr Mitgliedsländer bestimmen die Finanzen, die Schulden und Finanzkontrollen der EU, sondern die EU bzw. der Gouverneursrat des ESM bestimmen den Finanzbedarf, die Schuldenübernahme, die Anforderungen an die Mitgliedsstaaten, kontrollieren deren Finanzgebaren und bestimmen frei, wem Gelder gegeben und wem Gelder genommen werden. Die Finanzsouveränität der Mitgliedsländer ist damit ausgehebelt und umgekehrt.

Je widersinniger eine Entwicklung abläuft, desto mächtiger sind meist die Interessen dahinter:
  • Die USA können durch die Euro-Krise Zeit gewinnen, um von der Dollar-Krise abzulenken. Der Zusammenbruch des Dollars würde nämlich nicht nur ihr Welt-Finanzimperium, sondern auch ihre militärische Weltmacht und ihre Wirtschaftsmacht implodieren lassen.
  • Die US-Finanzindustrie hat den Kreditbanken Ausfallbürgschaften für notleidende Kredite – auch Griechenland-Kredite – gegeben. Würden also die 360 Milliarden Griechenland-Kredite plötzlich wertlos werden, würde sie in größte Rückhaftungsschwierigkeiten, ja Zusammenbrüche, geraten. Aus diesem Grunde müssen die Kredite zumindest zum Schein bestehen bleiben, darf Griechenland keinen sauberen Staatsbankrott erklären.
  • Die EZB hat mehr faule Kredite als freies Eigenkapital, ist also längst „Bad Bank“. Würden die Griechenland-Kredite nämlich so wertlos ausgewiesen wie sie sind, wäre die EZB pleite und müsste bei den Ländern um neues Kapital nachsuchen. Aus diesem Grunde ist sie strikt gegen jede private Mithaftung für die Griechenland-Kredite und gegen jeden Staatskonkurs, die beide ihre Kredite entwerten würden. Daran wird auch ihr neuer Präsident, der Italiener Mario Draghi, nichts ändern. Schließlich war er ja von 2002 bis 2005 selbst Vizepräsident bei Goldman-Sachs in London.
  • Hauptgläubiger Griechenlands sind u.a. US-amerikanische und französische Banken. Sie würden im Staatskonkurs bei einer entsprechenden Abwertung Griechenlands so massive Verluste erleiden, dass sie staatlich aufgefangen werden müssten. Insofern kämpfen ihre Regierungen so brutal gegen Griechenlands Sanierung durch Abwertung – die einzige saubere und irgendwann unvermeidliche Lösung.
  • Deutsche Banken halten etwa 20 Milliarden Griechenland-Anleihen, vor allem öffentliche Banken. Hier würde entsprechender Abwertungsbedarf bestehen, also der Staat direkt eintreten müssen. Dies fürchtet die Regierung, obwohl diese direkte Hilfe an unsere Banken geringer wäre als die an Griechenland für die Kredite internationaler Banken zu überweisenden Hilfsgelder. Warum deutsche öffentliche Bankinstitute überhaupt Griechenland-Anleihen gekauft haben, die außerhalb ihrer Kompetenz lagen, wäre eine gute Frage an die alten Vorstände.

So gesehen wird wohl verständlich, warum das griechische Volk nicht nach seiner Meinung befragt werden darf, warum der Euro in der Krise steckt, warum die EU-Bürger zur Kasse gebeten werden - und warum, ja warum die arme griechische Sau weiter durch das Dorf der Pekunisten getrieben wird.


Dienstag, 25. Oktober 2011

Ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig?

Ökonomen haben eine seltsame Art, Dokumente zu schreiben. Es gibt offensichtlich eine gesteigerte Tendenz, wirtschaftliche Beratung zu entmenschlichen und die wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Probleme (Arbeitslosigkeit und Armut) zu Gunsten der Betonung von Nicht-Themen (wie öffentliche Schuldenquote) zu ignorieren. Schon die Ausbildung von Ökonomen entbehrt in hohem Maße der Beachtung menschlicher Probleme und der Empathie.
 

Dies wird wieder einmal deutlich in einem Dokument vom 21. Oktober 2011 Greece: Debt Sustainability Analysis – das von ihren Autoren, der sogenannten „Troika“, als streng vertraulich bezeichnet wurde und als Eingabe für das bevorstehende Treffen der Staats-und Regierungschefs der Eurozone diente. Das fragliche Dokument ist "durchgesickert" und wurde publiziert von der „Società Editoriale Linkiesta“, einer unabhängigen italienischen Online-Zeitung des investigativen Journalismus, die seit Beginn dieses Jahres aktiv ist.

Wer das Dokument liest, fragt sich unwillkürlich, was wohl wäre, wenn Ökonomen persönlich für die Folgen ihrer Beratung haften müssten? Die Gefängnisse wären voll von ruinierten Experten. Ich bin mir sicher, dass die Troika-Ökonomen von EU, EZB und IWF behaupten würden "nur Anweisungen befolgt" zu haben. Aber dann sollten wir das vorher wissen.

Schon die Einleitung in dem durchgesickerten Dokument stellt ein klassisches Beispiel für die manipulierende Art und Weise dar, wie Ökonomen ihre Argumente zur Verdrehung der Tatsachen nutzen:

 „Jüngste Entwicklungen erfordern eine Neubewertung der Annahmen, die für die Tragfähigkeit der Schuldensituationsanalyse verwendet wurden. Seit der vierten Überprüfung hat sich die Situation in Griechenland zum Schlechteren gewendet, indem sich die Wirtschaft zunehmend der Rezession und damit verbundenen Lohn-Preis-Kanälen angepasst hat, anstatt getrieben durch Strukturreformen zu einer Steigerung der Produktivität zu gelangen. Auch die Behörden haben gekämpft, um ihre politischen Verpflichtungen trotz dieses Gegenwindes und administrativer Kapazitätsbeschränkungen in der griechischen Regierung zu erfüllen. Die Anpassungen der Wachstums- und Fiskalpolitik im Rahmen des Programms folgen jede für sich Präzedenzfällen, die aus den Erfahrungen anderer Länder stammen, aber die aktuelle Erfahrung im Rahmen des Programms legt nahe, dass Griechenland nicht in der Lage ist, einen neuen Präzedenzfall unter gleichzeitigen und von sehr schwachen Anfangsbedingungen ausgehenden Bedingungen, wie einer großen internen Abwertung, Steueranpassungen und Privatisierung, zu realisieren.“

Was will uns diese „Wirtschaftsprosa“ sagen?

  1. Unsere Programme sind so schlecht und unser Verständnis der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge ist dermaßen ideologisch gefärbt, dass wir das Offensichtliche leugnen müssen - dass nämlich die Einführung harter öffentlicher Ausgabenkürzungen in einer Zeit, in der die griechische Wirtschaft aufgrund eines Zusammenbruchs der privaten Ausgaben schrumpft, die Rezession verschlimmert und die Fähigkeit der Wirtschaft untergräbt, sich einer Steigerung der Produktivität zu erfreuen. 
  2. Alle unsere Prognosen waren falsch - die Situation ist viel schlimmer: Armut und Arbeitslosigkeit steigen und die Ersparnisse vieler Privatleute werden direkt durch unsere Fehler ausgelöscht.
  3. Wir verstehen nicht wirklich, warum es passiert ist, aber die Daten zeigen deutlich, dass alle unsere Voraussagen falsch waren und dass alles, von dem wir sagten, das es nicht passieren könne, nun doch passiert ist.
  4. Wir hatten keinen historischen Präzedenzfall für die Verhängung eines solch harten multi-dimensionalen Sparprogramms für Griechenland - aber, hey, ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig? Das Experiment wird uns jede Menge Erfahrungen für künftige Politikberatungen liefern.

Der ökonomische Ratschlag, den die EU-Chefs mit diesen Instruktionsdokumenten erhalten, sagt eindeutig aus, dass alles, was sie tun sollten, darin bestand, Staatsausgaben zu kürzen, alle öffentlichen Vermögen zu verscherbeln, Arbeitslöhne und Renten zu kürzen, die Erhöhung der Arbeitslosenquote zu ermöglichen und – schwupps! würde die Produktivität boomen und die zunehmende außenwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit einen exportinduzierten Wachstums-Boom hinlegen.

Das könnte in Lehrbüchern funktionieren, die von Ökonomen des freien Marktes geschrieben wurden und die kein Verständnis der menschlichen Psyche und der realen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und der harten Sparmaßnahmen auf Innovation und Ausgaben haben. Solche Experten verstehen scheinbar auch nicht, dass, wenn alle deine Handelspartner ebenfalls schrumpfen oder kaum noch wachsen, es vollkommen egal ist, wie "billig" deine Produkte werden - der Export wird dann nicht boomen.

Selbst mit einem Basisverständnis von Makroökonomie hätte man von vorne herein erkennen müssen, dass sich die griechische Wirtschaft angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und der großen Einschnitte bei Ausgaben oder Änderungen an Richtlinien, die die Ausgabenfähigkeit des privaten Sektors untergraben, "zunehmend der Rezession und damit verbundenen Lohn-Preis-Kanälen" anpassen würde. "Seit dem 19. Jahrhundert haben demokratische Reformer versucht, Volkswirtschaften von Verschwendung, Korruption und Einkommen aus Vermögen zu befreien. Doch die „Troika“ schreibt eine regressive Besteuerung vor, die nur durchzusetzen ist, wenn die Regierung in die Hände nicht gewählter „Technokraten“ gelegt wird," meint Michael Hudson in der FAZ: "Oligarchie der Finanz".


Ärzte können für ihre Handlungen gesetzlich haftbar gemacht und an der weiteren Ausübung ihres Berufes gehindert werden, wenn sie als Folge von Fehlern oder falschen Beurteilungen anderen Menschen Schaden zufügen. Viele andere zertifizierte Fachleute sind gleichermaßen verantwortlich für die Qualität ihrer Arbeit.

Ich denke, es ist an der Zeit, dass professionelle Ökonomen für beratende Tätigkeiten zertifiziert und dann persönlich haftbar gemacht werden für die Ergebnisse, die sich aus ihrer Arbeit ergeben. Da allein Arbeitslosigkeit zu höheren Selbstmordraten und Krankheiten mit Todesfolgen führt, sehe ich beratende Ökonomen nicht anders als Ärzte in Bezug auf deren Verantwortung für das menschliche Wohlbefinden.


Donnerstag, 20. Oktober 2011

Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten


In den Ohren von Otto Normalverbraucher mag dieser Werbeslogan der Sparkassen gegenwärtig bei Guthabenzinsen von 2 bis 4 Prozent für Tages- oder Festgeld wie Hohn klingen. Immerhin müsste man da schon eine recht ordentliche Summe anlegen, um noch zu Lebzeiten (crash-freien Verlauf vorausgesetzt) bei moderaten Inflationsraten in den Genuss eines signifikanten Vermögenszuwachses zu kommen.

Andere Zeitgenossen haben da ganz andere Möglichkeiten. Wer etwa durch Erbschaft oder Bankraub mal eben 1 Mio. Euro übrig hat, der ist nicht darauf angewiesen, von seinen Zinsen zu leben, selbst wenn das bei diesem Anlagebetrag den meisten anderen Menschen vollkommen reichen würde. Der Casino-Betrieb unseres Geldsystems bietet in diesem Fall dem ungeduldigen und risikofreudigen Anleger geradezu "zauberhafte" Produkte aus dem Baukasten der Finanz-Alchemie.

Ganz allgemein sind Geldschöpfung und Spekulation entscheidende Quellen der Gewinne des Finanzsektors. Das System ist so angelegt, dass bei steigenden Wertpapiermärkten zunächst alle Akteure reicher werden und nicht etwa nur die Einen zu Lasten der Anderen. Dies gilt, solange ein Spekulant das Papier später zu einem höheren Preis veräußern kann. Das folgende Beispiel  mag zur Veranschaulichung dieser impliziten Verklammerung von Kreditausweitung, Verschuldung, Blasenbildung und Spekulation dienen:

Millionär Neureich möchte sein Geldvermögen rentierlich vermehren. Er legt 1 Mio. EUR im Investmentfond Schnellreich an. Letzterer besorgt sich zusätzlich bei der Bank 100.000 EUR Kredit, um die erzielbare Rendite zu „hebeln“, und kauft für die 1,1 Mio. z. B. Aktien von Daimler. Ein zweiter Millionär Nobel möchte ebenfalls 1 Mio. EUR rentierlich anlegen und geht damit zum Investmentfond Gier. Der Investmentfond Gier nimmt den Betrag und einen zusätzlichen Bankkredit von 200.000 EUR und kauft damit dem Investmentfond Schnellreich die Daimler-Aktien ab. Schnellreich hat nun seinem Namen alle Ehre gemacht und einen Spekulationsgewinn von 100.000 EUR erzielt, von dem 50.000 EUR an Neureich als Verzinsung für seine Millionenanlage ausschüttet und von dem Rest die Zinsen auf den Bankkredit und die Gehälter seiner Manager zahlt.

Neureich freut sich über eine Rendite von 5 Prozent und legt die 50.000 EUR gleich wieder bei Schnellreich an. Der verwaltet mittlerweile schon 1,05 Mio. EUR. Und weil alles so gut geklappt hat, nimmt er jetzt 300.000 EUR Kredit auf und kauft für 1,35 Mio. wieder Daimler-Aktien. Und zwar genau jene, die er dem Investmentfond Gier für 1,2 Mio. EUR verkauft hatte. Gier hat jetzt also einen Spekulationsgewinn von 150.000 EUR gemacht, wovon er seinem Anleger Nobel ebenfalls 50.000 EUR als Verzinsung ausschüttet und mit den restlichen 100.000 EUR die Zinsen auf den Bankkredit bezahlt und seine Manager bei Laune hält. (Beispiel in Anlehnung an S. Wagenknecht „Wahnsinn mit Methode“)

Das Schneeballsystem läuft in dieser Weise immer weiter unter der einen Bedingung, dass den beiden Fonds entweder zusätzliche Anlagegelder zufließen oder sie eben immer höhere Kredite aufnehmen. Solange dann die Preisblase auf den Vermögensmärkten wächst, liegt für alle Beteiligten ein Positivsummenspiel vor. Dabei bedarf es zur Fortsetzung des Prozesses noch nicht einmal der Alimentierung der Zentralbank durch neues Zentralbankgeld. 

Erst ein Aussetzen des Kreditexpansionsprozesses führt zu einem Zusammenbruch der Kreditpyramide und zur kumulativen Schrumpfung. Dabei liegt die objektive Bremse dieses volkswirtschaftlich sinnlosen Vorgangs in der Tatsache begründet, dass Vermögenswerte auf Dauer nicht stärker wachsen können als die laufende Wertschöpfung.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Auch du, ...?


Bei der Bundespräsidentenwahl 2010 war Joachim Gauck für SPD und Grüne angetreten. Nun kritisiert er die Anti-Banken-BewegungOccupy“ und ist der Überzeugung, dass diese schnell wieder beendet sein werde. Gauck nennt es „romantische Vorstellung“ und „Träumerei“, wenn man an eine Welt ohne die Bindung an die Märkte glaube.

All dies mag man durchaus noch verstehen, wenn man bedenkt, wo Herr Gauck aufgewachsen ist und zu welcher Generation er gehört. Mit dem Hinweis, "Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren" beweist er jedoch, dass auch er nicht verstanden hat (oder nicht verstehen will?), um was es eigentlich geht. Es geht seriösen, demokratischen Reformern des Bankensystems nämlich nicht um die Verstaatlichung der Institute, sondern vor allem um die Verstaatlichung der Geldschöpfung.

Fachlich könnte man Gaucks Aussagen noch auf die auch bei aktiven Politikern weit verbreitete und gleichermaßen gefährliche Unwissenheit in diesen Dingen schieben. Moralisch ist sie darüber hinaus insoweit verwerflich, als sie ein hochgradig unsoziales und umweltfeindliches System stützt und dazu beiträgt, dass die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Gesellschaft weiter zunehmen – wachsendes Vermögen weniger zu Lasten vieler. 

Es bleibt die Frage, wie der Herr Pastor das denn wohl mit seinem Glauben und der christlichen Lehre vereinbaren kann. Möglicherweise ist ihm aber einfach nur das Hemd näher als die Jacke, wenn er daran denkt, das zu den Geretteten der HRE seinerzeit auch die Evangelische Kirche gehörte (202 Mio. Euro an unbesicherten Geldmarktaufnahmen und Schuldscheindarlehen; nachrichtlich: Katholische Kirche 190 Mio. Euro). Und Dankbarkeit gehört ja bekanntlich auch zu den christlichen Tugenden.

Wer noch vor einem Jahr Joachim Gauck als den Hoffnungsträger einer neuen, stärker am Gemeinwohl orientierten Politik gesehen hat, wird sich nun möglicherweise insgeheim bei den Linken dafür bedanken, dass doch alles anders kam. Der EntTäuschung wurde das „Ent“ genommen.


Mittwoch, 12. Oktober 2011

Ablenkungsmanöver

Vergleicht man die Höhe der Eigenkapitalquote bei Banken mit derjenigen bei nichtfinanziellen Unternehmen der Wirtschaft, wird einem der ganze Schwachsinn der augenblicklich ausgetragenen öffentlichen Diskussion erst so richtig deutlich. Während hier um lächerliche 7 bis 10 Prozent "gestritten" wird, weist dort die Bilanzsumme nicht selten das zwei- bis dreifache des Eigenkapitals auf, womit die Eigenkapitalquote bei bis zu 50% liegen kann. Das kommt dabei heraus, wenn es sich die Finanzindustrie erst einmal in der Komfortzone eines impliziten Rettungsschirms gemütlich gemacht hat.
Die nicht gewichtete bilanzielle Eigenkapitalquote von Finanzinstituten sollte bei ungefähr 30% liegen.

Wer solche Forderungen für zu hoch oder sogar utopisch hält, sei daran erinnert, dass sie nach 1945 über viele Jahrzehnte ohne größere Probleme den Standard darstellten. Anfang Oktober 2010 wurde von der Schweiz für die Großbanken UBS und Crédit Suisse eine insgesamt harte Eigenkapitalquote von 19% vorgeschrieben. Die beiden Banken haben die Vorschrift akzeptiert. Vielleicht haben sie hierdurch sogar einen Wettbewerbsvorteil.
Und die Mainstreampresse? Wie üblich verzichtet sie darauf, bei ihrer aktuellen Berichterstattung über die neuen Stresstests in die Tiefe zu gehen. Stattdessen wird das alberne Herumdoktern an den Symptomen mit militärischen Begriffen dramatisiert, um den Leser vom weiteren Nachdenken abzulenken. Sonst könnte ja noch jemand auf die Idee kommen zu fragen, ob nicht andere Regulierungsmaßnahmen im Bankensektor viel wichtiger und dringender seien:
  1. Die Umwandlung von Sichtguthaben in Vollgeld
  2. die Größenbegrenzung der Banken auf 100 Mrd. Bilanzsumme und
  3. die institutionelle Trennung der Finanzinstitute in Geschäftsbanken und Investmentbanken.

    ... --> Reformvorschlag

Montag, 10. Oktober 2011

Toleranz des Bösen


Occupy Wall Street
„Die Wenigen, die das System verstehen, werden so sehr an seinen Profiten interessiert oder so abhängig sein von der Gunst des Systems, dass aus deren Reihen nie eine Opposition hervorgehen wird. 

Die große Masse der Leute aber, mental unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne zu mutmaßen, dass das System ihren Interessen feindlich ist.“ M.A. Rothschild 1863 über das Geldsystem.


Allein schon die Toleranz wird nach Thomas Mann zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.



Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Occupy Wall Street - Bloomberg kritisiert Proteste" vom 08.10.2011

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Wie oft denn noch?

Wie viele Bankenrettungen müssen die Bürger unverschuldet denn noch bezahlen? Wann werden sich die Politiker endlich ihrer Verantwortung bewusst? Wollen sie es nicht begreifen oder können sie nicht? Fürchten sie, etwas gegen diejenigen entscheiden zu müssen, von denen sie abhängig sind und die über ihre Zukunft bestimmen, oder sind sie nur fachlich und mental nicht in der Lage, die Situation zu verstehen? Wo bleiben die wirksamen und nachhaltigen Konsequenzen aus der Finanzkrise? Warum doktern wir immer noch bloß an den Symptomen herum, anstatt endlich zum Grundsätzlichen zu kommen?


Wir brauchen schnellstmöglich ein Geldsystem, bei dem das öffentliche Interesse und das Gemeinwohl im Mittelpunkt stehen und das eine Realwirtschaft fördert, die haushälterisch mit der Natur umgeht. Praktikable Vorschläge hierzu gibt es reichlich und die sind oft weit weniger komplex, als einige Verantwortliche uns das gerne glauben machen wollen (siehe zum Beispiel bei pinkepinke im Web). Wenn sie aber andererseits nicht bald den Mut zu Veränderungen aufbringen, setzen sie sich der Gefahr aus, als diejenigen in die Geschichte einzugehen, die zaudernd herum saßen, während sie solch einem idiotischen System erlaubten, weiter zu existieren.

Mein Kommentar in "SPIEGEL Online" zum Artikel "Europas Bankaufseher bereiten Griechen-Pleite vor" vom 06.10.2011

Donnerstag, 29. September 2011

Wir drehen uns im Kreis


Wenn noch lange versucht wird, mit welchen herkömmlichen Methoden und auf Basis welcher ökonomischen Lehren der Vergangenheit auch immer, dieses ausgeartete fraktionale Reservesystem am Laufen zu halten, wird es uns in naher Zukunft um die Ohren fliegen. Wer stattdessen die Verantwortung dafür, sich mit dem Grundsätzlichen zu beschäftigen, ablehnt, unterschätzt sich. 

Was schnellstmöglich benötigt wird ist: Die Umwandlung von Sichtguthaben in Vollgeld, die Größenbegrenzung der Banken auf 100 Mrd. Bilanzsumme, die institutionelle Trennung der Finanzinstitute in Geschäftsbanken und Investmentbanken, eine Festlegung der nicht gewichteten bilanziellen Eigenkapitalquote von Banken auf mindestens 30%, eine Finanzmarkttransaktionssteuer von min. 0,01 bis 0,1 % pro Transaktion sowie eine am Gemeinwohl orientierte Regulierung von CDS, Leerverkäufen, Ratingagenturen, Zweckgesellschaften und Schattenbanken und ähnlichen Spekulationsinstrumenten aus dem Arsenal der chaotischen Egoisten im Finanzgewerbe.


Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Lernt von Amerika!" vom 29.09.2011

Dienstag, 27. September 2011

Wer im Glashaus sitzt...


Schuld sind natürlich immer die anderen. Zumindest dann, wenn man unbedingt von seinen eigenen Versäumnissen ablenken möchte. Denn wohin hat denn das aktuelle Geld- und Finanzsystem die einst so glorreichen USA gebracht:

  • erschreckende Zahlen an Arbeitslosen, Armen, Hungernden, Obdachlosen, Privatinsolvenzen und leer stehenden Wohnimmobilien*
  • wachsende und unangemessene Konzentration von Reichtum, ungezügelte Expansion der privaten und öffentlichen Schulden, Inflation und die ständige Aushöhlung der Leistungsfähigkeit des Kongresses, seine verfassungsmäßigen Pflichten bei der Schaffung von Wohlstand für alle Amerikaner auszuüben
  • im Bankensektor Wertsteigerungen nach dem Schneeballprinzip, extremes Aufblasen der Werte von Beteiligungen und Bilanzen, Verlockung ahnungsloser Investoren zum Kauf hochsensibler Finanzprodukte und letztendlich der Beinahezusammenbruch unterkapitalisierter Banken und des gesamten Finanzsystems, was zur Folge hatte, dass der Steuerzahler für die unbesonnenen Geldschöpfungspraktiken, Verschwendungen und Fehlinvestments der Branche aufzukommen hatte.
  
Immerhin gehen in den USA schon mal gestandene Präsidentschaftskandidaten der regierenden Demokraten auf die Barrikaden, um dem Hokuspokus unseres Finanzsystems ein Ende zu bereiten – zum Wohle der Allgemeinheit und nicht einiger Weniger wie bei uns. http://pinkepinke-ab2daet.blogspot.com/2011/09/wer-hats-erfunden.html

Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Geithner fordert von Europäern 'Schutzwall' gegen die Krise" vom 24.09.2011


  • Nearly 15,000,000 Americans are currently unemployed, another 12,000,000 estimated Americans are underemployed, wages are stagnant and millions of Americans are being asked to take pay cuts.
  • Over 43,000,000 Americans live below the poverty line, 49,000,000 of Americans go to bed hungry at night, and an estimated 3,000,000 Americans are homeless.
  • An all-time high of over 1,500,000 non-business bankruptcies were filed through June, 2010, and the small business failure rate in America recently hit 12 percent. 
  • More than 2,000,000 homes have been lost to foreclosure and millions of homeowners are falling behind in their mortgage payments; the housing market in terms of construction and sales has undergone an historic decline; and the declining value of housing means Americans’ largest single investment, the home, is no longer a safe harbor for savings, nest eggs, social mobility or the transfer of generational wealth.
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