Donnerstag, 29. September 2011

Wir drehen uns im Kreis


Wenn noch lange versucht wird, mit welchen herkömmlichen Methoden und auf Basis welcher ökonomischen Lehren der Vergangenheit auch immer, dieses ausgeartete fraktionale Reservesystem am Laufen zu halten, wird es uns in naher Zukunft um die Ohren fliegen. Wer stattdessen die Verantwortung dafür, sich mit dem Grundsätzlichen zu beschäftigen, ablehnt, unterschätzt sich. 

Was schnellstmöglich benötigt wird ist: Die Umwandlung von Sichtguthaben in Vollgeld, die Größenbegrenzung der Banken auf 100 Mrd. Bilanzsumme, die institutionelle Trennung der Finanzinstitute in Geschäftsbanken und Investmentbanken, eine Festlegung der nicht gewichteten bilanziellen Eigenkapitalquote von Banken auf mindestens 30%, eine Finanzmarkttransaktionssteuer von min. 0,01 bis 0,1 % pro Transaktion sowie eine am Gemeinwohl orientierte Regulierung von CDS, Leerverkäufen, Ratingagenturen, Zweckgesellschaften und Schattenbanken und ähnlichen Spekulationsinstrumenten aus dem Arsenal der chaotischen Egoisten im Finanzgewerbe.


Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Lernt von Amerika!" vom 29.09.2011

Dienstag, 27. September 2011

Wer im Glashaus sitzt...


Schuld sind natürlich immer die anderen. Zumindest dann, wenn man unbedingt von seinen eigenen Versäumnissen ablenken möchte. Denn wohin hat denn das aktuelle Geld- und Finanzsystem die einst so glorreichen USA gebracht:

  • erschreckende Zahlen an Arbeitslosen, Armen, Hungernden, Obdachlosen, Privatinsolvenzen und leer stehenden Wohnimmobilien*
  • wachsende und unangemessene Konzentration von Reichtum, ungezügelte Expansion der privaten und öffentlichen Schulden, Inflation und die ständige Aushöhlung der Leistungsfähigkeit des Kongresses, seine verfassungsmäßigen Pflichten bei der Schaffung von Wohlstand für alle Amerikaner auszuüben
  • im Bankensektor Wertsteigerungen nach dem Schneeballprinzip, extremes Aufblasen der Werte von Beteiligungen und Bilanzen, Verlockung ahnungsloser Investoren zum Kauf hochsensibler Finanzprodukte und letztendlich der Beinahezusammenbruch unterkapitalisierter Banken und des gesamten Finanzsystems, was zur Folge hatte, dass der Steuerzahler für die unbesonnenen Geldschöpfungspraktiken, Verschwendungen und Fehlinvestments der Branche aufzukommen hatte.
  
Immerhin gehen in den USA schon mal gestandene Präsidentschaftskandidaten der regierenden Demokraten auf die Barrikaden, um dem Hokuspokus unseres Finanzsystems ein Ende zu bereiten – zum Wohle der Allgemeinheit und nicht einiger Weniger wie bei uns. http://pinkepinke-ab2daet.blogspot.com/2011/09/wer-hats-erfunden.html

Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Geithner fordert von Europäern 'Schutzwall' gegen die Krise" vom 24.09.2011


  • Nearly 15,000,000 Americans are currently unemployed, another 12,000,000 estimated Americans are underemployed, wages are stagnant and millions of Americans are being asked to take pay cuts.
  • Over 43,000,000 Americans live below the poverty line, 49,000,000 of Americans go to bed hungry at night, and an estimated 3,000,000 Americans are homeless.
  • An all-time high of over 1,500,000 non-business bankruptcies were filed through June, 2010, and the small business failure rate in America recently hit 12 percent. 
  • More than 2,000,000 homes have been lost to foreclosure and millions of homeowners are falling behind in their mortgage payments; the housing market in terms of construction and sales has undergone an historic decline; and the declining value of housing means Americans’ largest single investment, the home, is no longer a safe harbor for savings, nest eggs, social mobility or the transfer of generational wealth.

Samstag, 24. September 2011

Chaotische Allianz der Egoisten


Ich bin nicht der Meinung, dass sich hinter unserem alle Gesellschaftsbereiche negativ beeinflussenden Geld- und Finanzsystem eine Verschwörung verbirgt. Ich gehe davon aus, dass die Pekunisten egoistisch individuell handeln. Sie benutzen nur die gleichen Instrumente. In einer chaotischen Struktur ständig wechselnder Allianzen wird versucht, den persönlichen Vorteil über die anderen zu erzielen. Immer neue Instrumente zur Geldvermehrung werden erdacht und rücksichtslos eingesetzt. Das erklärt auch, warum kein Ziel zu erkennen ist, so sehr man sich auch anstrengt. Aber für Menschen, deren einziges Ziel in der schnellstmöglichen Vermehrung von Geld liegt, kann es keine langfristige Planung geben. Mit ihrer unendlichen Gier haben diese chaotischen Typen jegliche Sozialkompetenz abgelegt.

Mag sein, dass die Erfinder des Federal Reserve Systems seinerzeit tatsächlich an die Verwirklichung der Weltherrschaft gedacht haben. Technische und gesellschaftliche Entwicklungen haben das System jedoch inzwischen aufgebrochen und für viele zugänglich gemacht, die es sich ebenfalls mit Hilfe der Manipulation zu ihrem Vorteil auslegen. 

Es ist wichtig zu erkennen, dass es sich eben nicht um eine zentral gelenkte, große Verschwörung handelt. Denn ein chaotisch strukturiertes System ist viel leichter zu ersetzen, als ein autoritär zieldefiniertes. Die egoistischen Interessen der einzelnen Gruppen werden letzten Endes gemeinsame Abwehrmaßnahmen verhindern. Und die aktuell überall sichtbare Hilflosigkeit der Akteure ist dafür ein beredtes Zeichen.

Mittwoch, 21. September 2011

Nicht nur die CDU ...

..., auch die Bundesregierung hat bislang noch nicht einmal die Ursachen der aktuellen Finanzkrise analysiert und so den Bürgern eine Deutung der Ereignisse vorenthalten.

Auch die Wissenschaft hält sich vornehm zurück. Wahrscheinlich bedarf es in nächster Zukunft noch ein oder zwei weiterer Ereignisse dieser Art, um einer ehrlichen öffentlichen Diskussion über gemeinwohlorientierte, nachhaltige Systemalternativen eine Chance zu geben. Dabei haben wir doch gerade erst in Japan erfahren müssen, wie schnell "höchst unwahrscheinliche" Extremereignisse grausame Realität werden können.

Die Kernschmelze des Finanzsystems - ein Extremereignis aus den Risikomodellen der Finanzbranche - hat jedenfalls längst eingesetzt. Wenig überraschende Entwicklungen, wie die ausufernden Staatsschulden weltweit, führen zum Desaster. Dennoch verzögern oder verhindern bislang Interessen, Ideologien und institutionelles Beharrungsvermögen notwendige Gegenmaßnahmen (wie z.B. bei pinkepinke beschrieben).

Mein Kommentar in "Welt Online" zum Artikel "Die CDU schuldet Deutschland einen Zukunftsentwurf" vom 21.09.2011

 

Montag, 19. September 2011

Kaum zu glauben

Das Thema wird hier zwar nur sehr oberflächlich angerissen, indem aus einem 360 Seiten starken Bericht nur zwei ganze Punkte heraus gegriffen werden. Immerhin lassen diese aber endlich einmal eine richtige Richtung bei den längst überfälligen Reformen unseres Geld- und Finanzsystems erkennen. Bleibt abzuwarten, was am Ende bei der Umsetzung tatsächlich davon übrig bleibt, wenn die Bankenlobby sich erst einmal so richtig der Sache angenommen hat.

Zu bedauern ist auch, dass dieser Reformvorschlag, unabhängig von seinen Details, schon deshalb eindeutig an Wirkungskraft verlieren wird, weil zwei wesentliche Vorbedingungen nicht erfüllt sind:

1. Keine Geldschöpfung durch Kredite der Banken und volle Deckungspflicht für Giroguthaben (100%-ige Mindestreserve)* und
2. Entflechtung/Zerschlagung der Mega(Schatten)Banken durch absolutes Größenlimit bei 100 Mrd. € Bilanzsumme.

Aber warten wir mal ab, was demnächst noch so alles passiert auf dem Weg zu einem am Gemeinwohl orientierten Geld- und Finanzsystem - mit oder ohne deutsche Politiker.

Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Bankenreform - Aufspalten, abschotten" vom 16.09.2011

*) Anm. d. Verfassers: Gemeint ist die Wiederherstellung des staatlichen Geldregals. Und damit nicht wieder die Politik direkten Einfluss nimmt (wie bei Bundesbank und EZB), sollte diese geldausgebende Stelle natürlich gewaltenteilig unabhängig gestellt werden. http://goo.gl/TaU51

Dienstag, 13. September 2011

Das Schneeballsystem der Finanzwirtschaft


Wir befinden uns in einem Mindestreservesystem. Das Problematische an diesem System ist, dass der Kreditnehmer den aufgenommenen Betrag plus den Zinsbetrag zurückzahlen muss. Dieses Geld für die geschuldeten Zinsen ist in unserem System aber niemals erzeugt worden. Die Folge ist, dass die Menschen, damit sie ihre Schulden bedienen können, in der Gesellschaft um den Zinsbetrag konkurrieren müssen, obwohl das Geld dafür gar nicht vorhanden ist. Die Tilgbarkeit der Schulden wird laufend unwahrscheinlicher, da ein ständig größer werdender Anteil der in neuen Krediten erzeugten Geldforderungen für die Verzinsung von bereits bestehenden Krediten verbraucht werden muss. Das ist der wahre Grund für die aktuelle Schuldenkrise der Staaten weltweit. Das System ist nur deshalb „lebensfähig“, weil ständig neue Schulden kreiert werden, um die alten, samt Zinsen, zu begleichen, und zusätzlich Kreditnehmer insolvent werden – ein Schneeballsystem.

Mein Kommentar in "NZZ Online" zum Artikel "Der Schuldenberg der EU-Länder wird grösser" vom 12.09.2011

Montag, 12. September 2011

Wer den Sumpf trocken legen will, darf nicht die Frösche fragen

Kann mal irgendjemand sagen, wer sich namentlich hinter jener ominösen „Troika“ verbirgt? Wer sind eigentlich diese Experten von EU, EZB und Internationalem Währungsfond, auf deren Hinweise alle Politiker und Journalisten ständig warten und auf deren Rat ganze Regierungen reagieren? 

Handelt es sich bei diesen Experten vielleicht auch wieder um jene Art von systemfreundlichen Finanzwissenschaftlern und Bankern, die bei der Beurteilung des aktuellen Geld- und Finanzsystems schon ihre Analysen und Empfehlungen von sich gegeben haben? Dann werden wohl auch hier keine substantiellen Reformen zum Wohle der Allgemeinheit zu erwarten sein. Weder in Griechenland noch sonst wo. 
In wenig informativen und theorielosen Ursachenaneinanderreihungen der jüngsten Finanzkrise kommen diese Experten nämlich – wenn überhaupt – doch nahezu ausnahmslos zu dem Schluss, dass bei Abwägung aller Fakten ein Festhalten an der Effizienzmarkthypothese die beste Lösung darstellt, also im Prinzip ein „weiter so“.  
Wohin uns das gebracht hat, kann man jederzeit problemlos am Zustand unserer Gesellschaft (wachsendes Geldvermögen weniger, aufgetürmt auf den Schulden vieler in der Welt) ablesen. Was daraus wird, sieht man auf den Straßen von Athen, London und Madrid. 

Mein Kommentar in "FAZ.NET" zum Artikel "Die „Troika“ reist wieder nach Athen" vom 12.09.2011

Donnerstag, 8. September 2011

Amerika, du hast es besser


Dort gehen wenigstens schon mal gestandene Präsidentschaftskandidaten der regierenden Demokraten auf die Barrikaden, um dem Hokuspokus unseres Finanzsystems ein Ende zu bereiten – zum Wohle der Allgemeinheit und nicht einiger Weniger wie bei uns. http://goo.gl/YSgJB

Immerhin legt ja hier schon mal einer den Finger massiv in die Wunde. Allein, wer hört auf ihn?


Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Kapitalmarkt- Geldgeschenke an die Finanzindustrie" vom 08.09.2011

Mittwoch, 7. September 2011

Falscher Ansatz


Die LSE? Ist das nicht jene Hochschule, die 2008 wegen ihres an Saif al-Islam al-Gaddafi verliehenen Doktorgrades in die Kritik geriet und gerade noch im Februar dieses Jahres eine Spende des amerikanischen Hedge-Fond Managers John Paulson über 2,5 Millionen Pfund für die Einrichtung eines Lehrstuhls über die Zukunft des europäischen Finanzwesens erhielt? Kein Wunder also, wenn sich gerade dort zwei gutbetuchte Ökonomen aus den USA, der Hochburg des globalisierten Kapitals, zu „evidenzbasierter Entwicklungshilfe“ äußern und damit nur eine neue Methode des Herumdokterns an Symptomen eines kranken Finanzsystems propagieren.

Dabei sollten sie doch am besten wissen,  dass es allein die Herren des globalisierten Kapitals sind, die täglich über Leben und Tod von über zwei Milliarden Hungernden auf der Welt entscheiden: Durch ihre Investitionsstrategien, ihre Währungsspekulationen und die politischen Bündnisse, die sie eingehen. Die grundsätzliche Lösung liegt deshalb nicht in einer Optimierung der Entwicklungshilfe, sondern einzig und allein in einer umfänglichen, radikalen Reform des bestehenden Geld- und Finanzsystem

Die Zeit für Experimente läuft nämlich langsam ab. Denn die Lage der Ärmsten in der Welt nimmt unerträgliche Ausmaße an:

Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Entwicklungspolitik - Was wirklich hilft" vom 02.09.2011

Dienstag, 6. September 2011

Unangenehme Wahrheiten

Prof. Dr. Christian Kreiß von der HTW Aalen zur Finanzkrise:

"Die derzeitige Krise lässt sich nicht durch oberflächliche politische und ökonomische Maßnahmen lösen, sondern nur durch grundlegende Gesellschaftsreformen und individuelles Umdenken."


Ein anschaulicher und eindringlicher Appell in 5 Teilen:

Wer zahlt an wen? Ursachen von Fehlentwicklungen

Folgen von zunehmender Ungleichverteilung weltweit

Ungleichgewichte im Euro-Raum: das Epizentrum der Krise

Wege aus der Krise

Einfach mal anschauen.


Montag, 5. September 2011

Wer hat’s erfunden?


Zumindest diesmal kein Schweizer. Eher wohl der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Irving Fisher, der seine schlechten persönlichen Erfahrungen mit der Weltwirtschaftskrise 1935 in seinem Buch „100%-Money“ verarbeitete und damit als Begründer der so genannten „Vollgeld-Theorie“ gelten dürfte. Wie das so ist mit (wirtschafts-)wissenschaftlichen Theorien, hat auch diese über die Zeit eine große Zahl an illustren Kritikern und Befürwortern gefunden. Im Einzelnen darauf einzugehen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Nur so viel sei gesagt: Fishers Plan sieht vor, das alleinige Recht des Staates wiederherzustellen, Geld zu schaffen und in Umlauf zu bringen, eben nur 100% staatliches Geld zu haben. Damit packt er ganz offensichtlich ein Grundübel unseres Geldsystems an der Wurzel, nämlich die unkontrollierte Schöpfung von (Buch-)Geld durch die privaten Geschäftsbanken mittels Kreditvergabe, wodurch es in der Folge von großen Boom- und Deflationsphasen nach wie vor immer wieder zu Finanzkrisen kommt. Und das mit den bekannten negativen Auswirkungen auf die Realwirtschaft und die Allgemeinheit.

Knapp 80 Jahre nach Fisher greift nun mit dem demokratischen Kongressabgeordneten Dennis Kucinich ein namhafter, aktiver US-Politiker diese Idee engagiert wieder auf. Kucinich fordert in einer Eingabe an das Repräsentantenhaus (Ende 2010) nichts weniger, als die Wiederherstellung des in der amerikanischen Verfassung verbrieften Rechts des Staates, wonach die Autorität, Geld in den Vereinigten Staaten zu schaffen, ausschließlich die Sache der Regierung ist. Er leitet daraus ein komplettes Wohlfahrtsprogramm für die USA ab und führt 29 Gründe – im Wesentlichen basierend auf der ungerechten Verteilung des Geldes – für die Abschaffung des bestehenden Geldsystems an. 

Der Zeitpunkt für die Initiative scheint klug gewählt: Lange nicht mehr hat der (babylonische) Bau aus systembedingt exponentiell wachsendem Geldvermögen weniger, aufgetürmt auf den Schulden vieler in der Welt, so sehr gewankt wie gerade gegenwärtig. Ob allerdings die skizzierte Reform in den USA allein den Turm zum Einsturz bringen kann, bleibt abzuwarten. Mehr als ein erster Steinwurf ist es allemal. Und was einst in Babylon passiert ist, wissen wir alle. Die begleitenden Eigenschaften unseres Geldsystems heute jedenfalls, das Gier, Machtstreben, Hass, Eifersucht, Eigensinn und andere trennende Verhaltensweisen in bedrohlichem Maße generiert, hat die menschliche Entwicklung nicht gefördert und ähnelt verdächtig den überlieferten Zuständen aus biblischer Vorzeit.

Bleibt die Frage: Sieht irgendjemand irgendwo einen deutschen Dennis Kucinich?
Und die Schweizer? Na, immerhin gibt es bei ihnen schon mal ernsthafte Bestrebungen für eine Volksinitiative zur Verstaatlichung der Geldschöpfung. Vielleicht nutzen sie ja ebenfalls die Gunst des Augenblicks. Denn wer zu spät kommt...

Meine Eingabe als Leserartikel bei ZEIT online am 19.08.11. Trotz einiger Links auf ZEIT online wurde der Artikel nicht gebracht - kommentarlos. Wäre eigentlich auch zu schade gewesen.

Sonntag, 4. September 2011

Rettung der Welt

Was Sie sofort tun können: 

Zehn Empfehlungen

Beginnen Sie, einfache Fragen zu stellen; hören Sie auf, Europapolitikern zu glauben; nutzen Sie Ihre Handlungsspielräume; haben Sie Spaß dabei: Die Rettung der Welt zum Mitmachen in zehn Empfehlungen.

Von Harald Welzer

1.Selber denken.

2. Trauen Sie endlich Ihrem Gefühl, dass um Sie herum ein großes Illusionstheater stattfindet. Die Kulissen simulieren Stabilität, aber das Stück ist eine Farce: Immerfort treten dicke Männer auf und brüllen „Wachstum!“, Spekulanten spielen Länderdomino, und dauernd tänzeln Nummerngirls mit Katastrophenbildern über die Bühne. Das Publikum ist genervt und wütend, bleibt gleichwohl bis zum Ende der Vorstellung sitzen. Aber: Wann wird das wohl kommen?

3. Verlassen Sie besser die Vorstellung und beginnen Sie, ganz einfache Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Warum muss man immer mehr arbeiten, wenn man immer mehr arbeitet? Warum werden die Schulden größer, wenn immer mehr gespart wird? Warum schrumpft alles andere, wenn die Wirtschaft wächst?

4. Suchen Sie zusammen mit Ihren Freundinnen und Freunden nach Antworten. Zum Beispiel: Weil alle Idioten auch mehr arbeiten. Weil das Gesparte in fremde Taschen wandert. Weil viele börsennotierte Unternehmen staatsferne Parallelgesellschaften bilden.

5. Beschließen Sie, ab sofort nicht mehr mitzumachen, falls Ihre Antworten Sie beunruhigen.

6. Fangen Sie damit an, aufzuhören. Hören Sie auf, Europapolitikern zu glauben. Hören Sie erst recht auf, Wirtschaftsforschungsinstituten zu glauben. Und hören Sie um Gottes willen damit auf, sich widerspruchslos erzählen zu lassen, irgendeine Entscheidung sei alternativlos gewesen. So etwas gibt es in Demokratien nicht.

7. Wenn Sie jetzt so weit sind, dass Sie nicht mehr jeden Blödsinn tolerieren, nutzen Sie Ihre Handlungsspielräume. Sie leben in einem der reichsten Länder der Erde, Sie sind hervorragend ausgebildet, Sie haben Spaß am Leben und finden sich ganz gut. Warum zum Teufel machen Sie jeden Tag dasselbe und nie etwas anderes?

8. Wie Sie Ihre Spielräume nutzen sollen? Schauen Sie sich einfach an, was andere machen. Es gibt doch unglaublich tolle Ansätze und Projekte: Energiegenossenschaften, Nachbarschaftsgärten, fairen Konsum, lokale Währungen, großartige Stiftungen, Unternehmen, die sich dem Wachstumszwang verweigern. Schreiben Sie politischer, falls Sie Journalist sind. Forschen Sie für eine andere Zukunft, falls Sie in der Wissenschaft sind. Wechseln Sie die Pausenthemen, falls Sie am Band arbeiten. Kaufen Sie anders ein, falls Sie ein Restaurant haben. Fragen Sie, wo der Fisch herkommt, wenn Sie essen gehen. Interessieren Sie sich für die Zukunft Ihrer Schüler, falls Sie Lehrerin oder Lehrer sind. Fusionieren Sie mit einem Kindergarten, wenn Sie ein Seniorenheim leiten. Denken Sie ans Höllenfeuer, wenn Sie einem der vier großen Energiekonzerne vorstehen. Produzieren Sie cradle to cradle, wenn Sie eine Fabrik besitzen. Riskieren Sie etwas, wenn Sie sich für intellektuell halten.

9. Versuchen Sie irgendwo dazuzugehören, wo Sie stolz sagen können: „Wir machen das anders!“ Zum Beispiel eine Kultur der Achtsamkeit entwickeln, Ideen interessanter finden als Erfahrung, nicht auf Kosten anderer leben, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Zukunftsfähig zu sein bedeutet das Gegenteil vom business as usual: lernend, fehlerfreundlich, reversibel zu handeln.

10. Bilden Sie Labore der Zukunft und haben Sie Spaß dabei. Vergessen Sie das „5-vor-12“-Blabla der Ökobewegung und das Gerede von der „Weltgemeinschaft“ und der Notwendigkeit globaler Lösungen. Niemand hat an Ihrer Wiege gestanden und mit hohler Stimme gesagt: „Lars, du bist zu uns gekommen, um die Welt zu retten!“ Es genügt völlig, wenn Sie beginnen, mit Ihrem Leben, Ihren Lieben und Ihrem Land verantwortungsvoll und zukunftsfähig umzugehen. Das aber bitte gleich.
Stornieren Sie Ihre nächste blöde Flugreise (Sie wollen da sowieso nicht hin), bestellen Sie Ihr nächstes Auto erst gar nicht (es wird Sie unglücklicher machen, weil Sie glaubten, es mache Sie glücklicher), kaufen Sie nichts mehr, was zu billig ist (denn dann hat irgendjemand zu wenig bekommen). Säbeln Sie in Ihre Weihnachtsgans und teilen Sie Ihren Kindern oder Enkeln mit, dass Sie ab jetzt Ihr Leben ändern werden. Das wird Ihnen helfen, es tatsächlich zu tun (denn jetzt können Sie nicht mehr zurück).

Harald Welzer, 52, lehrt am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und veröffentlichte zuletzt mit Claus Leggewie „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ (S. Fischer).

Donnerstag, 1. September 2011

pinkepinke: Den Letzten beißen die Hunde

pinkepinke: Den Letzten beißen die Hunde: Und alle, die noch immer nicht gemerkt haben, was hier auf uns zurollt, dieses Mega-Europa nämlich, was hinter der Euro-Idee steht, diese zweiten Staaten von Amerika, dieser Globalplayer, eine neue Sowjetunion mit marktwirtschaftlichem Tarnanstrich, seien hier noch einmal eindringlich ermahnt und aufgerufen:

Stoppt die EU-Schuldenunion (ESM-Vertrag)! 



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