Dienstag, 25. Oktober 2011

Ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig?

Ökonomen haben eine seltsame Art, Dokumente zu schreiben. Es gibt offensichtlich eine gesteigerte Tendenz, wirtschaftliche Beratung zu entmenschlichen und die wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Probleme (Arbeitslosigkeit und Armut) zu Gunsten der Betonung von Nicht-Themen (wie öffentliche Schuldenquote) zu ignorieren. Schon die Ausbildung von Ökonomen entbehrt in hohem Maße der Beachtung menschlicher Probleme und der Empathie.
 

Dies wird wieder einmal deutlich in einem Dokument vom 21. Oktober 2011 Greece: Debt Sustainability Analysis – das von ihren Autoren, der sogenannten „Troika“, als streng vertraulich bezeichnet wurde und als Eingabe für das bevorstehende Treffen der Staats-und Regierungschefs der Eurozone diente. Das fragliche Dokument ist "durchgesickert" und wurde publiziert von der „Società Editoriale Linkiesta“, einer unabhängigen italienischen Online-Zeitung des investigativen Journalismus, die seit Beginn dieses Jahres aktiv ist.

Wer das Dokument liest, fragt sich unwillkürlich, was wohl wäre, wenn Ökonomen persönlich für die Folgen ihrer Beratung haften müssten? Die Gefängnisse wären voll von ruinierten Experten. Ich bin mir sicher, dass die Troika-Ökonomen von EU, EZB und IWF behaupten würden "nur Anweisungen befolgt" zu haben. Aber dann sollten wir das vorher wissen.

Schon die Einleitung in dem durchgesickerten Dokument stellt ein klassisches Beispiel für die manipulierende Art und Weise dar, wie Ökonomen ihre Argumente zur Verdrehung der Tatsachen nutzen:

 „Jüngste Entwicklungen erfordern eine Neubewertung der Annahmen, die für die Tragfähigkeit der Schuldensituationsanalyse verwendet wurden. Seit der vierten Überprüfung hat sich die Situation in Griechenland zum Schlechteren gewendet, indem sich die Wirtschaft zunehmend der Rezession und damit verbundenen Lohn-Preis-Kanälen angepasst hat, anstatt getrieben durch Strukturreformen zu einer Steigerung der Produktivität zu gelangen. Auch die Behörden haben gekämpft, um ihre politischen Verpflichtungen trotz dieses Gegenwindes und administrativer Kapazitätsbeschränkungen in der griechischen Regierung zu erfüllen. Die Anpassungen der Wachstums- und Fiskalpolitik im Rahmen des Programms folgen jede für sich Präzedenzfällen, die aus den Erfahrungen anderer Länder stammen, aber die aktuelle Erfahrung im Rahmen des Programms legt nahe, dass Griechenland nicht in der Lage ist, einen neuen Präzedenzfall unter gleichzeitigen und von sehr schwachen Anfangsbedingungen ausgehenden Bedingungen, wie einer großen internen Abwertung, Steueranpassungen und Privatisierung, zu realisieren.“

Was will uns diese „Wirtschaftsprosa“ sagen?

  1. Unsere Programme sind so schlecht und unser Verständnis der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge ist dermaßen ideologisch gefärbt, dass wir das Offensichtliche leugnen müssen - dass nämlich die Einführung harter öffentlicher Ausgabenkürzungen in einer Zeit, in der die griechische Wirtschaft aufgrund eines Zusammenbruchs der privaten Ausgaben schrumpft, die Rezession verschlimmert und die Fähigkeit der Wirtschaft untergräbt, sich einer Steigerung der Produktivität zu erfreuen. 
  2. Alle unsere Prognosen waren falsch - die Situation ist viel schlimmer: Armut und Arbeitslosigkeit steigen und die Ersparnisse vieler Privatleute werden direkt durch unsere Fehler ausgelöscht.
  3. Wir verstehen nicht wirklich, warum es passiert ist, aber die Daten zeigen deutlich, dass alle unsere Voraussagen falsch waren und dass alles, von dem wir sagten, das es nicht passieren könne, nun doch passiert ist.
  4. Wir hatten keinen historischen Präzedenzfall für die Verhängung eines solch harten multi-dimensionalen Sparprogramms für Griechenland - aber, hey, ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig? Das Experiment wird uns jede Menge Erfahrungen für künftige Politikberatungen liefern.

Der ökonomische Ratschlag, den die EU-Chefs mit diesen Instruktionsdokumenten erhalten, sagt eindeutig aus, dass alles, was sie tun sollten, darin bestand, Staatsausgaben zu kürzen, alle öffentlichen Vermögen zu verscherbeln, Arbeitslöhne und Renten zu kürzen, die Erhöhung der Arbeitslosenquote zu ermöglichen und – schwupps! würde die Produktivität boomen und die zunehmende außenwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit einen exportinduzierten Wachstums-Boom hinlegen.

Das könnte in Lehrbüchern funktionieren, die von Ökonomen des freien Marktes geschrieben wurden und die kein Verständnis der menschlichen Psyche und der realen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und der harten Sparmaßnahmen auf Innovation und Ausgaben haben. Solche Experten verstehen scheinbar auch nicht, dass, wenn alle deine Handelspartner ebenfalls schrumpfen oder kaum noch wachsen, es vollkommen egal ist, wie "billig" deine Produkte werden - der Export wird dann nicht boomen.

Selbst mit einem Basisverständnis von Makroökonomie hätte man von vorne herein erkennen müssen, dass sich die griechische Wirtschaft angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und der großen Einschnitte bei Ausgaben oder Änderungen an Richtlinien, die die Ausgabenfähigkeit des privaten Sektors untergraben, "zunehmend der Rezession und damit verbundenen Lohn-Preis-Kanälen" anpassen würde. "Seit dem 19. Jahrhundert haben demokratische Reformer versucht, Volkswirtschaften von Verschwendung, Korruption und Einkommen aus Vermögen zu befreien. Doch die „Troika“ schreibt eine regressive Besteuerung vor, die nur durchzusetzen ist, wenn die Regierung in die Hände nicht gewählter „Technokraten“ gelegt wird," meint Michael Hudson in der FAZ: "Oligarchie der Finanz".


Ärzte können für ihre Handlungen gesetzlich haftbar gemacht und an der weiteren Ausübung ihres Berufes gehindert werden, wenn sie als Folge von Fehlern oder falschen Beurteilungen anderen Menschen Schaden zufügen. Viele andere zertifizierte Fachleute sind gleichermaßen verantwortlich für die Qualität ihrer Arbeit.

Ich denke, es ist an der Zeit, dass professionelle Ökonomen für beratende Tätigkeiten zertifiziert und dann persönlich haftbar gemacht werden für die Ergebnisse, die sich aus ihrer Arbeit ergeben. Da allein Arbeitslosigkeit zu höheren Selbstmordraten und Krankheiten mit Todesfolgen führt, sehe ich beratende Ökonomen nicht anders als Ärzte in Bezug auf deren Verantwortung für das menschliche Wohlbefinden.


Donnerstag, 20. Oktober 2011

Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten


In den Ohren von Otto Normalverbraucher mag dieser Werbeslogan der Sparkassen gegenwärtig bei Guthabenzinsen von 2 bis 4 Prozent für Tages- oder Festgeld wie Hohn klingen. Immerhin müsste man da schon eine recht ordentliche Summe anlegen, um noch zu Lebzeiten (crash-freien Verlauf vorausgesetzt) bei moderaten Inflationsraten in den Genuss eines signifikanten Vermögenszuwachses zu kommen.

Andere Zeitgenossen haben da ganz andere Möglichkeiten. Wer etwa durch Erbschaft oder Bankraub mal eben 1 Mio. Euro übrig hat, der ist nicht darauf angewiesen, von seinen Zinsen zu leben, selbst wenn das bei diesem Anlagebetrag den meisten anderen Menschen vollkommen reichen würde. Der Casino-Betrieb unseres Geldsystems bietet in diesem Fall dem ungeduldigen und risikofreudigen Anleger geradezu "zauberhafte" Produkte aus dem Baukasten der Finanz-Alchemie.

Ganz allgemein sind Geldschöpfung und Spekulation entscheidende Quellen der Gewinne des Finanzsektors. Das System ist so angelegt, dass bei steigenden Wertpapiermärkten zunächst alle Akteure reicher werden und nicht etwa nur die Einen zu Lasten der Anderen. Dies gilt, solange ein Spekulant das Papier später zu einem höheren Preis veräußern kann. Das folgende Beispiel  mag zur Veranschaulichung dieser impliziten Verklammerung von Kreditausweitung, Verschuldung, Blasenbildung und Spekulation dienen:

Millionär Neureich möchte sein Geldvermögen rentierlich vermehren. Er legt 1 Mio. EUR im Investmentfond Schnellreich an. Letzterer besorgt sich zusätzlich bei der Bank 100.000 EUR Kredit, um die erzielbare Rendite zu „hebeln“, und kauft für die 1,1 Mio. z. B. Aktien von Daimler. Ein zweiter Millionär Nobel möchte ebenfalls 1 Mio. EUR rentierlich anlegen und geht damit zum Investmentfond Gier. Der Investmentfond Gier nimmt den Betrag und einen zusätzlichen Bankkredit von 200.000 EUR und kauft damit dem Investmentfond Schnellreich die Daimler-Aktien ab. Schnellreich hat nun seinem Namen alle Ehre gemacht und einen Spekulationsgewinn von 100.000 EUR erzielt, von dem 50.000 EUR an Neureich als Verzinsung für seine Millionenanlage ausschüttet und von dem Rest die Zinsen auf den Bankkredit und die Gehälter seiner Manager zahlt.

Neureich freut sich über eine Rendite von 5 Prozent und legt die 50.000 EUR gleich wieder bei Schnellreich an. Der verwaltet mittlerweile schon 1,05 Mio. EUR. Und weil alles so gut geklappt hat, nimmt er jetzt 300.000 EUR Kredit auf und kauft für 1,35 Mio. wieder Daimler-Aktien. Und zwar genau jene, die er dem Investmentfond Gier für 1,2 Mio. EUR verkauft hatte. Gier hat jetzt also einen Spekulationsgewinn von 150.000 EUR gemacht, wovon er seinem Anleger Nobel ebenfalls 50.000 EUR als Verzinsung ausschüttet und mit den restlichen 100.000 EUR die Zinsen auf den Bankkredit bezahlt und seine Manager bei Laune hält. (Beispiel in Anlehnung an S. Wagenknecht „Wahnsinn mit Methode“)

Das Schneeballsystem läuft in dieser Weise immer weiter unter der einen Bedingung, dass den beiden Fonds entweder zusätzliche Anlagegelder zufließen oder sie eben immer höhere Kredite aufnehmen. Solange dann die Preisblase auf den Vermögensmärkten wächst, liegt für alle Beteiligten ein Positivsummenspiel vor. Dabei bedarf es zur Fortsetzung des Prozesses noch nicht einmal der Alimentierung der Zentralbank durch neues Zentralbankgeld. 

Erst ein Aussetzen des Kreditexpansionsprozesses führt zu einem Zusammenbruch der Kreditpyramide und zur kumulativen Schrumpfung. Dabei liegt die objektive Bremse dieses volkswirtschaftlich sinnlosen Vorgangs in der Tatsache begründet, dass Vermögenswerte auf Dauer nicht stärker wachsen können als die laufende Wertschöpfung.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Auch du, ...?


Bei der Bundespräsidentenwahl 2010 war Joachim Gauck für SPD und Grüne angetreten. Nun kritisiert er die Anti-Banken-BewegungOccupy“ und ist der Überzeugung, dass diese schnell wieder beendet sein werde. Gauck nennt es „romantische Vorstellung“ und „Träumerei“, wenn man an eine Welt ohne die Bindung an die Märkte glaube.

All dies mag man durchaus noch verstehen, wenn man bedenkt, wo Herr Gauck aufgewachsen ist und zu welcher Generation er gehört. Mit dem Hinweis, "Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren" beweist er jedoch, dass auch er nicht verstanden hat (oder nicht verstehen will?), um was es eigentlich geht. Es geht seriösen, demokratischen Reformern des Bankensystems nämlich nicht um die Verstaatlichung der Institute, sondern vor allem um die Verstaatlichung der Geldschöpfung.

Fachlich könnte man Gaucks Aussagen noch auf die auch bei aktiven Politikern weit verbreitete und gleichermaßen gefährliche Unwissenheit in diesen Dingen schieben. Moralisch ist sie darüber hinaus insoweit verwerflich, als sie ein hochgradig unsoziales und umweltfeindliches System stützt und dazu beiträgt, dass die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Gesellschaft weiter zunehmen – wachsendes Vermögen weniger zu Lasten vieler. 

Es bleibt die Frage, wie der Herr Pastor das denn wohl mit seinem Glauben und der christlichen Lehre vereinbaren kann. Möglicherweise ist ihm aber einfach nur das Hemd näher als die Jacke, wenn er daran denkt, das zu den Geretteten der HRE seinerzeit auch die Evangelische Kirche gehörte (202 Mio. Euro an unbesicherten Geldmarktaufnahmen und Schuldscheindarlehen; nachrichtlich: Katholische Kirche 190 Mio. Euro). Und Dankbarkeit gehört ja bekanntlich auch zu den christlichen Tugenden.

Wer noch vor einem Jahr Joachim Gauck als den Hoffnungsträger einer neuen, stärker am Gemeinwohl orientierten Politik gesehen hat, wird sich nun möglicherweise insgeheim bei den Linken dafür bedanken, dass doch alles anders kam. Der EntTäuschung wurde das „Ent“ genommen.


Mittwoch, 12. Oktober 2011

Ablenkungsmanöver

Vergleicht man die Höhe der Eigenkapitalquote bei Banken mit derjenigen bei nichtfinanziellen Unternehmen der Wirtschaft, wird einem der ganze Schwachsinn der augenblicklich ausgetragenen öffentlichen Diskussion erst so richtig deutlich. Während hier um lächerliche 7 bis 10 Prozent "gestritten" wird, weist dort die Bilanzsumme nicht selten das zwei- bis dreifache des Eigenkapitals auf, womit die Eigenkapitalquote bei bis zu 50% liegen kann. Das kommt dabei heraus, wenn es sich die Finanzindustrie erst einmal in der Komfortzone eines impliziten Rettungsschirms gemütlich gemacht hat.
Die nicht gewichtete bilanzielle Eigenkapitalquote von Finanzinstituten sollte bei ungefähr 30% liegen.

Wer solche Forderungen für zu hoch oder sogar utopisch hält, sei daran erinnert, dass sie nach 1945 über viele Jahrzehnte ohne größere Probleme den Standard darstellten. Anfang Oktober 2010 wurde von der Schweiz für die Großbanken UBS und Crédit Suisse eine insgesamt harte Eigenkapitalquote von 19% vorgeschrieben. Die beiden Banken haben die Vorschrift akzeptiert. Vielleicht haben sie hierdurch sogar einen Wettbewerbsvorteil.
Und die Mainstreampresse? Wie üblich verzichtet sie darauf, bei ihrer aktuellen Berichterstattung über die neuen Stresstests in die Tiefe zu gehen. Stattdessen wird das alberne Herumdoktern an den Symptomen mit militärischen Begriffen dramatisiert, um den Leser vom weiteren Nachdenken abzulenken. Sonst könnte ja noch jemand auf die Idee kommen zu fragen, ob nicht andere Regulierungsmaßnahmen im Bankensektor viel wichtiger und dringender seien:
  1. Die Umwandlung von Sichtguthaben in Vollgeld
  2. die Größenbegrenzung der Banken auf 100 Mrd. Bilanzsumme und
  3. die institutionelle Trennung der Finanzinstitute in Geschäftsbanken und Investmentbanken.

    ... --> Reformvorschlag

Montag, 10. Oktober 2011

Toleranz des Bösen


Occupy Wall Street
„Die Wenigen, die das System verstehen, werden so sehr an seinen Profiten interessiert oder so abhängig sein von der Gunst des Systems, dass aus deren Reihen nie eine Opposition hervorgehen wird. 

Die große Masse der Leute aber, mental unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne zu mutmaßen, dass das System ihren Interessen feindlich ist.“ M.A. Rothschild 1863 über das Geldsystem.


Allein schon die Toleranz wird nach Thomas Mann zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.



Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Occupy Wall Street - Bloomberg kritisiert Proteste" vom 08.10.2011

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Wie oft denn noch?

Wie viele Bankenrettungen müssen die Bürger unverschuldet denn noch bezahlen? Wann werden sich die Politiker endlich ihrer Verantwortung bewusst? Wollen sie es nicht begreifen oder können sie nicht? Fürchten sie, etwas gegen diejenigen entscheiden zu müssen, von denen sie abhängig sind und die über ihre Zukunft bestimmen, oder sind sie nur fachlich und mental nicht in der Lage, die Situation zu verstehen? Wo bleiben die wirksamen und nachhaltigen Konsequenzen aus der Finanzkrise? Warum doktern wir immer noch bloß an den Symptomen herum, anstatt endlich zum Grundsätzlichen zu kommen?


Wir brauchen schnellstmöglich ein Geldsystem, bei dem das öffentliche Interesse und das Gemeinwohl im Mittelpunkt stehen und das eine Realwirtschaft fördert, die haushälterisch mit der Natur umgeht. Praktikable Vorschläge hierzu gibt es reichlich und die sind oft weit weniger komplex, als einige Verantwortliche uns das gerne glauben machen wollen (siehe zum Beispiel bei pinkepinke im Web). Wenn sie aber andererseits nicht bald den Mut zu Veränderungen aufbringen, setzen sie sich der Gefahr aus, als diejenigen in die Geschichte einzugehen, die zaudernd herum saßen, während sie solch einem idiotischen System erlaubten, weiter zu existieren.

Mein Kommentar in "SPIEGEL Online" zum Artikel "Europas Bankaufseher bereiten Griechen-Pleite vor" vom 06.10.2011

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...