Donnerstag, 15. Dezember 2011

Toxische Suppen und die Lernhemmung

Wir leben gegenwärtig in den Nachwehen der gravierendsten globalen Finanzkrise seit der Großen Depression. In ihrem Gefolge kam es in vielen Ländern zur schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930iger Jahren. Prof. Helge Peukert fragt sich: Was haben wir bislang daraus gelernt? Stellt sich die Weltgesellschaft (Öffentlichkeit, Medien, Politik, Wissenschaft usw.) in angemessener Art und Weise dieser historischen Herausforderung der globalen Wirtschaftsgeschichte?

Bis heute ist nicht geklärt, was (den) entscheidenden Anteil an der Megakrise hatte. War es die Komplexität, die Größe, das Tempo oder die globale Natur der Finanzmärkte? Waren es die niedrigen Zinsen, die Komplexität der Derivate, falsche Ratings, stagnierende Löhne, unerwartete Preisentwicklungen am Häusermarkt, eine laxe Hypothekenpolitik, lasche Aufsichtsbehörden oder eine zu hohe Verschuldung der Finanzunternehmen oder ganzer Volkswirtschaften oder ... oder ...?

Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass alle aufgezählten Formen des Markt- und Staatsversagens gemeinsam eine Rolle gespielt und sich dabei gegenseitig in Form kumulativer Verursachung verstärkt haben. In jedem Fall hat die Finanzkrise das elementare Urvertrauen sehr vieler Menschen in das System als solches in Frage gestellt: Kompetente Bankdirektoren, Weltklassemanager, verantwortungsvolle Regulatoren und nicht korrumpierbare Ratingagenturen erwiesen sich als „entzauberte Köche toxischer Suppen“.
Die wohl wichtigsten Maximen oder Glaubenssätze waren:
  • ein moderner Finanzsektor bringt Innovationen hervor, die per se als fruchtbar zu bewerten sind und die partieller Deregulierung des Bankensektors bedürfen,
  • der Finanzsektor ist eine Wachstumsbranche, die für modernen Strukturwandel steht – Wall Street als Modell für den Rest der Welt,
  • Globalisierung, die ja in weiten Teilen die globalisierten Finanzmärkte meint, wird pauschal und unkritisch positiv als wohlfahrtssteigernd für alle Beteiligten angesehen.
Klar und einfach ausgedrückt lautete die Devise der letzten Jahrzehnte: Der private Finanzsektor weiß am besten wo es langgeht und sollte so weit wie möglich in Ruhe gelassen werden. Die durchgehende Linie der These unschlagbarer Märkte zieht sich in der Ökonomie von Adam Smith über HayekFriedman, die Varianten der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie und der Theorie rationaler Erwartungen bis hin zu zeitgenössischen Ökonomen. Auch Alan Greenspan beteuert noch 2007 seinen abgrundtiefen Glauben an die „unsichtbare Hand“ und sieht den Staat und seine Institutionen lediglich in der Rolle des Feuerwehrchefs, der systemische Verantwortung übernimmt.
„Da die Märkte zu komplex für menschliche Interventionen geworden sind, ist die beste Krisenpolitik immer noch die, die dem Markt ein Maximum an Flexibilität einräumt. Das bedeutet Handlungsfreiheit für die wichtigsten Marktteilnehmer wie Hedge Funds, Kapitalgesellschaften und Investmentbanken. Die Beseitigung von Ineffizienzen des Finanzmarktes erlaubt es liquiden Märkten, Ungleichgewichte selbst zu bereinigen,“ meinte Greenspan und war sich sicher, „dass Banken sehr viel besser in der Lage sind, andere Banken und Hedge Funds zu kontrollieren als staatliche Regulierungsbehörden mit ihren lehrbuchmäßigen Vorschriften.“ Es wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben, was ein solcher Marktradikaler an der Spitze der FED sollte.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Klüngelei

...oder: Wie man sich in der wunderbaren Finanzwelt eines lästigen Konkurrenten entledigt.

So manchen interessierten Zeitgenossen wird sicherlich schon einmal die folgende Frage bewegt haben: ‚Wieso ist eigentlich ausgerechnet Goldman Sachs bislang so gut durch die Finanzkrise gekommen, die in 2008 durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ins Rollen kam?‘

Nun, Verschwörungstheoretiker haben die Antwort darauf natürlich schon lange gewusst:
‚Weil der Ex-Goldman Sachs-Mann Henry (‚Hank‘) Paulson seinerzeit gerade US-Finanzminister war.‘

Lehman Brothers galt vor der Krise als Nummer 4 unter den Investmentbanken der USA, nach Goldman Sachs, Morgan Stanley und Merrill Lynch. Nachdem die amerikanische Regierung im Herbst 2008 drei große Banken (Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac) mit Milliarden Dollar gestützt hatte, war der politische Druck, weitere Banken nicht aufzufangen, so groß geworden, dass Paulson (Gegenspieler des Lehman-Vorstandsvorsitzenden Richard Fuld) nach der Absage der englischen Barclays-Bank, sich an Lehman zu beteiligen, keine weitere Unterstützung bereitstellte, was – entgegen dem bisherigen Grundsatz too big to fail – zur Insolvenz von Lehman führte.

Jetzt weiß man definitiv, dass Paulson bereits Monate vor der Lehman-Pleite mit Goldman Sachs Managern über diese Möglichkeit sprach. Kein Wunder also, dass Goldman Sachs selbst im entscheidenden Moment dann fast keine Positionen mehr mit Lehman hatte. 




Für eine derartige Insiderinformation dürfte wohl der gemeine Hedgefonds-Manager einen Haufen Geld auf den Tisch legen. Und, sofern er dabei erwischt würde, wohl auch mit einiger Sicherheit in den Knast wandern. Aber als US-Finanzminister mit Goldman-Vergangenheit scheint man sich das wohl erlauben zu dürfen ...?

Wer allerdings glaubte, dass die Drehtürpolitik, bei der die personellen Verflechtungen zwischen Wissenschaft, Politik und Finanzwelt auf das Verhältnis zwischen Washington und Wallstreet begrenzt seien, verkennt den Stand der internationalen Entwicklung. Die Goldman-Connection hat sich jetzt auch in Europa entscheidende finanzpolitische Positionen gesichert: Nach Otmar Issing, seit 2007 International Advisor von Goldman Sachs, der die Bundesregierung 2008 bei der Reform der internationalen Finanzmärkte beriet, hat die Investmentbank inzwischen mit Mario Draghi als EZB-Chef, Lucas Papademos als neuem griechischen Premierminister (hat vor einem Jahrzehnt den Beitritt Griechenlands in die Eurozone vorbereitet. Beim entsprechenden Präparieren der Bilanzen, dem Verschleiern der tatsächlichen Verschuldung, half Goldman Sachs) und Mario Monti als neuem italienischen Ministerpräsidenten drei ihrer Ehemaligen (bzw. Mitstreiter) mitten im Zentrum der europäischen Geldpolitik platziert.

Wer mehr über Goldman Sachs erfahren möchte, dem sei dieser ARTE-Film empfohlen:

Goldman Sachs - Eine Bank lenkt die Welt

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