Montag, 17. Dezember 2012

Wohlfahrtsträume ade?



„Bundeskanzlerin Angela Merkel glaubt nicht, dass die europäischen Wohlstands-Staaten auf Dauer zu finanzieren seien. Alle müssten aufhören, mehr auszugeben als sie einnehmen. Sonst gehe die globale Wettbewerbsfähigkeit verloren - wie man es in der DDR erlebt habe.“

Mein Kommentar in "DWN" zum Artikel "Merkel kündigt Ende des Wohlfahrtsstaats an" vom 17.12.2012:


Hallo Frau Merkel,

versuchen Sie doch bitte einmal mit mir gemeinsam über Ihren einzelwirtschaftlich geprägten Horizont hinaus zu schauen:

Eine Volkswirtschaft kann durch das Sparen von Geld nicht reicher werden. Die Summe aller Geldvermögen und Schulden ist immer Null. Die Höhe der Geldvermögen bestimmt die Höhe der Schulden. Um die Schulden in der Volkswirtschaft zu senken, etwa die Verschuldung des Staates, müssten auch die Geldvermögen (der Reichen und/oder der Unternehmen) abgebaut werden. 

Ohne die Geldvermögen des privaten Sektors abzubauen, muss der Versuch Ihrer Regierung, das Haushaltsdefizit zu senken, immer scheitern. Oder Ihre Regierung findet einen anderen Schuldner und zwingt diesem die Schulden auf (zum Beispiel wie derzeit durch Exportüberschuss dem Ausland oder wie Sie es anstreben, den Armen), die sie selber im Haushalt nicht mehr machen will.

Prinzipiell dient aber die Forderung nach einem Haushaltsausgleich in einer Krise immer der Verschärfung dieser Krise. Denn in einem Markt muss der Saldenausgleich (Forderungen = Schulden) erzwungen werden, indem die Einkommen plötzlich sinken, so dass die Sparer weniger sparen können und die Schuldner mehr Schulden machen müssen, als sie eigentlich geplant und beabsichtigt hatten. Der Saldenausgleich erfolgt also durch den Zusammenbruch der Volkswirtschaft, wenn die geplanten Ersparnisse größer sind als es die geplante Verschuldung ist. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch viel Spaß mit Ihrer Schuldenbremse

pinkepinke


Mittwoch, 12. Dezember 2012

Die Welt als Wille und Vorstellung

Die kollektive Wahrnehmungsstörung der politisch Verantwortlichen in der Euro-Zone ist nun selbst dem „Handelsblatt“ (nicht gerade bekannt durch besonders systemkritische Berichterstattung) aufgefallen. 
Den Ökonomen der EU-Kommission unterlaufen immer wieder schwerwiegende Fehler, immer wieder in die gleiche Richtung: Die künftige Entwicklung der Wirtschaftsleistung in den Krisenstaaten von Italien bis Griechenland stellt die Kommission in ihren Berichten regelmäßig viel zu rosig dar. Das hat für die Länder gravierende Folgen. Besonders krass daneben lag sie Jahr für Jahr bei Griechenland.“

Maßgeblich unter deutscher Anleitung werden den europäischen Krisentaaten seit Jahren zerstörerische “Spar”-Diktate verordnet, die dann in den Folgejahren zu noch desaströseren wirtschaftlichen Ergebnissen führen. Statt jedoch auf Basis dieser Ergebnisse die Therapie zu hinterfragen, wird die “Spar”-Dosis noch weiter gesteigert. 
Doch warum liegt die EU-Kommission so hartnäckig mit ihren Vorhersagen daneben? Ihre Ökonomen benutzen ein Modell der Volkswirtschaft, das die Wirkungszusammenhänge abbilden soll. Eine wichtige Größe dabei ist der sogenannte fiskalische Multiplikator. Er gibt an, wie stark sich Änderungen bei den Staatsausgaben auf die Wirtschaftsleistung auswirken. Die EU-Kommission schätzt den fiskalischen Multiplikator in ihrer Prognose aus dem Frühjahr 2012 auf etwa 0,5. Das bedeutet: Wenn der Staat seine Ausgaben um einen Euro kürzt, sinkt die Wirtschaftsleistung nur um 50 Cent. Der Ökonom Patrick Artus, Leiter der Forschungsabteilung bei der französischen Bank Natixis, kommt dagegen für die krisengeplagte Euro-Zone auf einen Multiplikator-Wert von rund 1,8. In Griechenland könnte der Multiplikator laut Artus sogar bei 3,6 liegen. Ähnlich fielen im Oktober die Ergebnisse einer Studie des IWF aus. Der Währungsfonds hatte Daten aus 28 Industrieländern seit 2010 analysiert. Den Berechnungen zufolge liegt der Multiplikator zwischen 0,9 und 1,7, also weit höher als von der EU-Kommission und bisher auch vom IWF angenommen…

… Es ist wenig verwunderlich, dass die EU-Kommission an einem niedrigen Wert für den fiskalischen Multiplikator festhält. Denn sollte er wirklich derart groß sein wie die Berechnungen von Patrick Artus oder der IWF-Ökonomen nahelegen, würde das die komplette Rettungsstrategie der Euro-Staaten als fatalen Fehler entblößen. Ein Gesundsparen der Krisenstaaten, wie es vor allem deutsche Politiker fordern, wäre dann schlicht nicht möglich. Ist der Multiplikator größer als eins, führt Sparen immer weiter ins Verderben. Ausgabenkürzungen lassen die Wirtschaft derart abstürzen, dass sich die Schuldenquote sogar erhöht, statt auf erträgliche Werte zu sinken. Es droht ein Teufelskreis aus immer neuen zerstörerischen Kürzungsorgien.

Große Teile der von der Krise innerhalb der Eurozone profitierenden deutschen “Eliten” nehmen dann noch die sich weiter verschärfende Wirtschaftslage in den europäischen Krisenstaaten zum Anlass, ihre chauvinistische und nationalistische Stimmungsmache gegen diese Staaten und deren Bevölkerungen weiter anzuheizen.

Dieses System ist etwas für den Zoo.
Für den Dschungel ist es ungeeignet.


Man kann sich allerdings nicht länger des Eindrucks erwehren, dass sich die Verantwortlichen auf politisch-finanzindustrieller Ebene immer intensiver darum bemühen, die ganze Welt zu einem Zoo zu machen.

 


pinkepinke: Ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig?: Ökonomen haben eine seltsame Art , Dokumente zu schreiben . Es gibt offensichtlich eine gesteigerte Tendenz, wirtschaftliche Beratung ...

Montag, 12. November 2012

Die Rechnung bitte - der Exportboom möchte gehen

Verfügt ein Land, das mit anderen im Wettbewerb steht, über eine eigene Währung, so wir diese über kurz oder lang die Lohnstückkosten, also das Verhältnis der Löhne zur Produktivität, widerspiegeln. Jedes systematische Zurückbleiben/-halten der Löhne hinter der Produktivität führt also in einem solchen Fall zwangsläufig zur Aufwertung der Währung. Damit stellt sich der ursprüngliche Zustand im Verhältnis der Wettbewerbsfähigkeit der Länder automatisch wieder ein.

In einer Währungsgemeinschaft wie der Eurozone allerdings ist dies nicht so. Hier kann es geschehen, dass ein Land durch bewusste Lohndrückerei für eine etwas längere Zeit mit dieser Politik erfolgreich ist. So stieg in Deutschland im Zeitraum von 1999 bis 2011 die Produktivität um jährlich 1,2 % (was noch nicht einmal im europäischen Vergleich ein besonders guter Wert ist), die Löhne stiegen jedoch im selben Zeitraum lediglich um 0,7 %. Das Ergebnis war ein Wettbewerbsvorsprung, der schließlich dazu führte, dass bei uns produzierte Waren und Dienstleistungen zum Teil zwischen 20 % (zu Frankreich) und 25 % (zu Südeuropa) billiger wurden als vergleichbare Produkte jener Länder. Deutsche Begründung: „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“, denn „wir leben über unsere Verhältnisse“. 

Es ist wohl unvermeidbar, dass es immer Länder gibt, die über ihren Verhältnissen leben, während andere permanent dahinter zurückbleiben. Also sollte doch derjenige bitte schön, der weniger verbraucht, als er produziert (also wie Deutschland unter seinen Verhältnissen lebt), tunlichst demjenigen, der mehr verbraucht, temporär die Verfügungsrechte über sein ersparten Ressourcen einräumen. Denn sonst kann die Rechnung gar nicht aufgehen. Der eine gibt folglich einen Kredit in der Hoffnung, dass der andere in Zukunft in der Lage sein möge, diesen auch zurückzuzahlen (= Überschüsse zu erwirtschaften). 

Dienstag, 25. September 2012

Kollektiver Selbstmord?

Die IWF-Chefin Lagarde behauptet, dass ihre Organisation glaubt, dass Sparmaßnahmen und Wachstum "in Einklang gebracht werden können und sich nicht gegenseitig ausschließen sollten". Sie sagt die Unwahrheit, so wie es der IWF regelmäßig seit Beginn der Krise tut. Sie stellt auch fest, dass die Prognosen des IWF einen Abwärtstrend verdeutlichen. Tatsache ist, dass der IWF seine Prognosen ständig überarbeitet, um sie niedrig zu halten, weil sie regelmäßig falsch sind. Sein sparpolitisches Mobbing soll in einem guten Licht erscheinen, indem er behauptet, das Wachstum würde dadurch größer werden. Die Realität sieht - nicht nur in Griechenland - vollkommen anders aus und das Wachstum fällt, ganz wie vorherzusehen war, geringer aus.
 
Das Aushängeschild des IWF - Irland - war die erste Nation, die seinerzeit der Erzählung von der Richtigkeit der Sparpolitik erlag. Die neuesten volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen aus Irland, die letzte Woche veröffentlicht wurden, bieten hingegen weiterhin düstere Aussichten auf das, was dort geschieht. Das Sparprogramm tötet die Wirtschaft - langsam aber sicher. Joseph Stiglitz stellte jüngst fest: „Ich denke, Europa begeht gerade Selbstmord ... Es hat noch nie ein erfolgreiches Sparprogramm in irgendeinem großen Land gegeben ... Sinkendes Wachstum verursacht das Defizit, nicht anders herum. Ich denke, dass der Austeritätsansatz zu hoher Arbeitslosigkeit führt, die politisch inakzeptabel ist und die Defizite eher verschlimmert.

Donnerstag, 20. September 2012

Die Renten-Aufregung

Mit ihrem Vorschlag einer Zuschussrente hat Ministerin von der Leyen nicht nur eine breite öffentliche Diskussion über Altersarmut losgetreten, sondern gleichzeitig auch das Scheitern der neoliberalen Rentenreform von 2002 eingestanden. Rot-grüne Regierung und schwarz-gelbe Opposition waren sich seinerzeit noch einig: Endlich sei der große Wurf gelungen und der Einstieg in die kapitalgedeckte Rente geglückt. Das deutsche Rentensystem sei nun zukunftssicher. Zehn Jahre später ist die Ernüchterung groß.


Rückblick: Ende des 19. Jahrhunderts dominierte noch immer das Leitbild der vorindustriellen Zeit - Arbeiten bis zum Tod -, aber mit der Auflösung der vorindustriellen Ordnung, der Lebens- und Produktionsweise und der steigenden Lebenserwartung war eben dies faktisch immer weniger möglich. Das Alter(n) wurde so zum strukturellen Problem der neuen Industriegesellschaft und die Intervention zur staatlichen Organisation einer Alterssicherung unausweichlich. Im Zuge der Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre trat dann das verdeckte Massenelend der Alten und das Versagen aller privaten, kapitalfundierten Ansätze vollends offen zutage und alle Nationen wählten schon aus praktikablen Erwägungen zur Finanzierung das Umlageverfahren (Steuern und/oder Lohnabgaben). Nach 1945 wurde der Auf- und Ausbau dieser sogenannten PAYGO-Systeme (pay-as-you-go) in den Industrienationen forciert, womit dort erstmals eine Phase des inaktiven Ruhestands im Alter für die Bevölkerungsmehrheit etabliert werden konnte.

Bei allen Unzulänglichkeiten wurde über dieses System das strukturelle Grundproblem der Alterung und des demographischen Wandels rational und effektiv verarbeitet. Daran gab es mangels besserer Alternativen auch nichts zu deuteln - bis in die Mitte der 1970er Jahre. Obwohl sich bis heute an der grundsätzlichen Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Organisation der Alterssicherung nichts geändert hat - die abhängige Beschäftigung dominiert nach wie vor eindeutig die Einkommenserzielung und Vermögensbildung der Mehrheit der Bevölkerung - kündigte sich seinerzeit ein Paradigmenwechsel in der Sozial- und Wirtschaftspolitik an, mit dem auch das PAYGO-System radikal infrage gestellt wurde. Die Revision in der Debatte setzte mit dem Auslaufen der Nachkriegskonjunktur bzw. mit dem Ende der Vollbeschäftigungsphase und der neuerlichen Rückkehr der Krisenzyklen in den Industrienationen ein.

Mittwoch, 19. September 2012

Der Mythos von den sicheren Einlagen

Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken in Deutschland laufen derzeit Sturm gegen Bestrebungen, im Zuge der Einführung einer Bankenunion die „bewährte“ deutsche Einlagensicherung (DES) zu europäisieren. Deutsche (Klein)Anleger  hafteten dann z.B. auch für die Einlagen der Spanier bei ihren Wackelbanken, heißt es u.a. in ganzseitigen Anzeigen in Tageszeitungen. Doch der eigentliche Skandal beginnt viel früher, nämlich bei der DES selbst. Diese ruht auf den drei unabhängigen Säulen der Sparkassen, der Genossenschaftsbanken und der im Folgenden betrachteten dritten Säule: den Privatbanken. 

Seit 2011 gibt es eine EU-weit vorgeschriebene Sicherungsgrenze von 100.000 Euro vor allem für Giroeinlagen, Sparguthaben, Tages- und Termingelder. Darüber hinaus existiert eine freiwillige Anschlussdeckung, auf die aber kein Rechtsanspruch besteht und die Phantasiegarantien bietet, z.B. durch die Commerzbank: 8 Milliarden Euro pro Kunde. Dafür zuständig wiederum ist die sogenannte Entschädigungseinrichtung deutscher Banken GmbH (EdB). 

Der durchschnittliche Mitgliedsbeitrag der Kreditinstitute dürfte trotz Bonitätsfaktor (beruht zu 50 % auf Kennzahlen und zu 50 % auf dem Rating des Instituts) bei jährlich 0,016 Prozent der Bilanzposition „Verbindlichkeiten gegenüber Kunden" liegen. Damit allerdings die Basis der Beitragsberechnung nicht unangenehm hoch wird, dürfen u.a. folgende Positionen dieser Bilanzposition unberücksichtigt bleiben:
  • Verbindlichkeiten gegenüber Kapitalanlagegesellschaften einschließlich der von ihnen verwalteten Sondervermögen, gegenüber Investmentaktiengesellschaften und gegenüber Organismen für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren mit Sitz im Ausland,
  • Verbindlichkeiten gegenüber privaten und öffentlich-rechtlichen Versicherungsunternehmen,
  • Verbindlichkeiten gegenüber dem Bund, einem Land, einem rechtlich unselbständigen Sondervermögen des Bundes oder eines Landes, einer kommunalen Gebietskörperschaft, einem anderen Staat oder einer Regionalregierung oder örtlichen Gebietskörperschaft eines anderen Staates,
  • Verbindlichkeiten gegenüber Unternehmen, die mit dem Institut einen Konzern im Sinne des § 18 des Aktiengesetzes, ohne dass es auf die Rechtsform ankommt, bilden,
  • Verbindlichkeiten aus Wertpapierpensionsgeschäften,
  • Rücklieferungsverpflichtungen aus Wertpapierleihgeschäften,
  • Verbindlichkeiten, die nicht auf die Währung eines Staates des Europäischen Wirtschaftsraums oder Euro lauten.
Daher wohl die Festsetzung eines Mindestbeitrags von 15.000 Euro p.a.

Es ist nicht bekannt, wie viel Geld nach mehreren Entschädigungsfällen in den vergangenen Jahren (Lehman Brothers, Noa Bank, Weserbank, Reithinger usw.) noch im Fonds ist. Zur Vermeidung „eventueller Vertrauensverluste“ bleibt das Vermögen geheim, ebenso, wo und wie die Fondsgelder „risikoarm“ angelegt sind, sofern dies zurzeit überhaupt möglich ist. Der Fonds kann als Schönwetterveranstaltung nur ein mittelgroßes Institut abdecken und ist letztlich nicht viel mehr wert als die theatralische Merkel-Steinbrück-Garantie. Denn im Krisenfall besteht zwar eine Nachschusspflicht, die aber darf das Fünffache der mickrigen 0,016 Prozent nicht überschreiten. Danach müsste der Fonds Kredite aufnehmen. Aber wer gäbe sie ihm in einer Krisensituation ohne Staatsgarantie? Auf diese Weise haftet der (Klein)Anleger also selber für die Einlagen.

Montag, 13. August 2012

IMF Paper Backs Full Reserve Banking

The International Monetary Fund (IMF) has released a paper “The Chicago Plan Revisited” that supports the proposals of Irving Fisher – those which are the basis for Full Reserve Banking - using state of the art economic modelling. In their summary the authors Jaromir Benes and Michael Kumhof write:  

The Chicago Plan Revisited

"At the height of the Great Depression a number of leading U.S. economists advanced a proposal for monetary reform that became known as the Chicago Plan. It envisaged the separation of the monetary and credit functions of the banking system, by requiring 100% reserve backing for deposits.

Irving Fisher (1936) claimed the following advantages for this plan:
  1. Much better control of a major source of business cycle fluctuations, sudden increases and contractions of bank credit and of the supply of bank-created money.
  2. Complete elimination of bank runs.
  3. Dramatic reduction of the (net) public debt.
  4. Dramatic reduction of private debt, as money creation no longer requires simultaneous debt creation.
We study these claims by embedding a comprehensive and carefully calibrated model of the banking system in a DSGE (Dynamic Stochastic General Equilibrium) model of the U.S. economy.  

We find support for all four of Fisher’s claims."

Dienstag, 24. Juli 2012

Die Angst der Brandstifter vor dem Feuer

Unsere heimische Ökonomen-Zunft ist nach langen Jahren des Schweigens jäh aus ihrem selbstgerechten Schlaf der kollektiven Unfehlbarkeit gerissen worden. Geweckt durch den ängstlichen Aufschrei einiger selbsternannter Patrioten unter ihnen streitet sie derzeit verbissen um die Richtigkeit einer sogenannten „Bankenunion“, die quasi eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet – und damit um den heißen Brei herum. Trotzdem übertrifft man sich inzwischen gegenseitig in Schuldzuweisungen und persönlicher Diskreditierung, was letzten Endes noch mehr von den eigentlichen Ursachen der entstandenen Unruhe ablenkt.

Der heiße Brei ist nämlich das gespaltene Verhältnis der Ökonomen – insbesondere in Deutschland – zu ihren eigenen logischen Grundlagen. An dieses Thema traut sich jedoch keiner von ihnen so recht heran. Wie üblich werden stattdessen in der wirtschaftspolitischen Diskussion Positionen bezogen, von denen man schon aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge weiß, dass sie nicht haltbar sind. 

Anderenfalls müssten ja die einen auch zugeben, dass ihre wunderschöne Theorie vom Gesundsparen bedauerlicherweise gerade ein Opfer der brutalen Faktenlage in der Euro-Zone zu werden droht, und die anderen, dass ihre Vorstellung von Volkswirtschaftslehre ohnehin recht wenig mit wissenschaftlicher Arbeit zu tun hat. Wenn nämlich die Zusammenhänge etwas verwaschen und die letzten, wenigen harten Säulen des ökonomischen Denkens geschliffen oder gar gestürzt sind, fühlt sich der moderne Ökonom hierzulande am wohlsten. Wenn nichts mehr greifbar ist und sich alles einer gewissen Beliebigkeit erfreut, kann sich jeder zu jedem Thema äußern und seine ureigensten Ziele zum zwingenden Ergebnis des Wirkens ökonomischer Gesetze erklären, ohne dass ihm noch irgendjemand ins Handwerk pfuschen könnte.

Das alles ist wenig zielführend. Wer aber wirklich an der Rettung des Euro interessiert ist, weil er um die Vorteile der Gemeinschaftswährung im Hinblick auf eine prosperierende Wirtschaft zum Nutzen aller Europäer weiß, der sollte nun schleunigst damit aufhören, nach Schuldigen zu suchen oder die ökonomischen Realitäten zu leugnen.

Dienstag, 17. Juli 2012

Augenwischerei

"Die Politik will Banken zwingen, mehr Eigenkapital vorzuhalten. Die wehren sich und sagen, das schade der Konjunktur. Doch die Argumente der Lobby sind nicht stichhaltig."

Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Die Bankenlobby spielt falsch" vom 17.07.2012:


Außerdem können sich die Geldinstitute auf der Grundlage der mark-to-market-Regel bilanziell gesund rechnen, wobei noch nicht realisierte Gewinne durch Aufblähung der Vermögenswerte die Eigenkapitalquote in die Höhe schießen lassen. So darf es nicht verwundern, dass die eigentlich relevante nicht gewichtete (bezogen auf die Risikopositionen) bilanzielle Eigenkapitalquote selbst bedeutender deutscher Banken bis dato nach wie vor nur bei etwa 2% liegt. Vergleicht man diesen Wert mit den entsprechenden Zahlen nichtfinanzieller Unternehmen, bei denen die Bilanzsumme nicht selten das zwei- bis dreifache des Eigenkapitals aufweist und damit die Eigenkapitalquote bei maximal 50% liegen kann, wird deutlich, wie ein impliziter Rettungsschirm wirkt. Vielen Dank, Frau Merkel. http://tinyurl.com/csfqwc4

Und dann immer diese wüsten Drohungen mit der Kreditklemme. Mal angenommen, die (Schatten-)Banken würden sich tatsächlich weigern, Staatspapiere zu kaufen. Schön, dann wäre es das Einfachste von der Welt, wenn die Notenbank von da an aufhören würde, diesen Spielern direkt oder indirekt Liquidität zu Verfügung zu stellen. Stattdessen würde sie dem Staat dessen Anleihen einfach direkt abkaufen oder in ihr Portfolio übernehmen und ihn dadurch mit Geld versorgen. Was wäre dann? Der ganze Spuk wäre mit einem Schlag vorbei und jeder würde sehen, dass man das Bankensystem in dieser Form und den Casino-Betrieb überhaupt nicht braucht. http://tinyurl.com/cafxo5v


Dienstag, 10. Juli 2012

Bewerbung als Finanzberater


Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

heute erneuere ich an Sie mein Angebot der kostenlosen Dienstleistung als Finanzberater. Leider hat sich seit meiner ersten, vergeblichen Bewerbung vor 15 Monaten die wirtschaftliche Situation für die meisten Menschen in Europa eher noch verschlechtert. Selbst in Deutschland kann von wachsendem Wohlstand nicht die Rede sein. Dabei bin ich mir sicher, dass Sie sich darum bemühen, Ihrem Amtseid gerecht zu werden, selbst wenn inzwischen aus den Problemen, die Sie damals mit der Bankenrettung hatten, nun solche mit der Rettung eines ganzen Währungssystems geworden sind. Hätten Sie damals mal besser über meinen Lösungshinweis nachgedacht.

Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“ beschreibt nun allerdings ein Analyseergebnis, dass Sie, mit Verlaub gesagt, besser ganz schnell wieder vergessen sollten in einem Land, das seit 10 Jahren ununterbrochen Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaftet, also mehr produziert als es verbraucht. Es kann natürlich sein, dass Sie mit „wir“ nur sich selbst und Ihren Ehemann gemeint haben. Ich vermag nicht zu beurteilen, wie sehr sich Ihre persönliche Verschuldung im Hinblick auf Ihr jetziges und zukünftiges Einkommen auf Ihre „Verhältnisse“ auswirkt. Sparsamkeit kann da sicherlich zur Entspannung der privaten finanziellen Situation beitragen.

Was mikroökonomisch sinnvoll erscheint, lässt sich aber nicht ohne weiteres auf eine Volkswirtschaft als Ganzes übertragen. Deshalb sollte Ihr neues Credo von nun an besser lauten: 

„Eine Volkswirtschaft kann nicht sparen.“

Weil, wenn einer spart, es mindestens einen anderen geben muss, der sich in gleicher Höhe verschuldet. Und umgekehrt. So einfach ist dort die Logik - haben Sie als promovierte Naturwissenschaftlerin die finanzpolitischen Empfehlungen Ihrer Mitarbeiter und Berater denn bisher nie darauf hin überprüft?

Lösen Sie sich nun von Ihren Gewohnheiten, treffen Sie auf der Grundlage der neu gewonnenen Einsicht die logisch-konsequenten Entscheidungen und geben Sie dem fairen Diskurs (das Gegenteil erleben wir leider gerade mal wieder beim Ökonomenstreit) einer offenen Gesellschaft eine Chance zur dynamischen Weiterentwicklung.
  • Vorteile für Sie und Ihre Organisation: Sie müssen die Weltwirtschaft nicht länger in die Zukunft wurschteln und sich dabei immer wieder von Krisen überraschen lassen. Das freut die Wirtschaft und die Konsumenten gleichermaßen.
  • Vorteile für den Steuerzahler: Er muss nicht mehr die finanziellen und wirtschaftlichen Folgen dieser Krisen schultern, für die er nichts kann. Gerechtigkeit schafft Vertrauen.
  • Vorteile für Europa: Man braucht keinen ESM und keinen Fiskalpakt und kann sich wieder der Verbreitung der sozialen Demokratie widmen und das allgemeine Wohlstandsniveau steigern. Die Politik schafft den finanziellen Rahmen und die Menschen bauen sich darin ihr Europa.
  • Vorteile für die Umwelt: Eine ökologische Qualifizierung des Wachstums wird möglich, am ehesten durch eine Reform der Geldordnung. Schluss mit der angeordneten Alternativlosigkeit – eine fortschrittliche Gesellschaft wächst mit der freien Wahl ihrer Möglichkeiten.

Mit freundlichen Grüßen


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