Donnerstag, 2. Februar 2012

Der Mythos vom intakten Bankwesen

Die Entwicklung des monetären Aggregats M3 wird von vielen zeitgenössischen Ökonomen gerne als Maßstab für Prognosen die Inflation betreffend herangezogen. So hebt auch die EZB im Rahmen ihres „Zwei-Säulen-Konzepts“ die Bedeutung dieses Zusammenhangs hervor: 
„Die monetäre Analyse ... stützt sich ... auf den langfristigen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisen.“ Und weiter heißt es: „Der Zwei-Säulen-Ansatz ... repräsentiert und vermittelt der Öffentlichkeit das Konzept einer diversifizierten Analyse und gewährleistet eine solide Entscheidungsfindung auf der Basis verschiedener analytischer Perspektiven.“ 
Und so wird denn auch im jüngsten Monatsbericht der EZB wieder besonderer Wert auf die Beschreibung der aktuellen diesbezüglichen Zusammenhänge gelegt:
„Die Jahreswachstumsrate der Geldmenge M3 sank im November merklich auf 2,0 %, verglichen mit 2,6 % im Oktober ... Einerseits lässt sich dieses moderatere Wachstum zu drei Vierteln mit einem Basiseffekt im Zusammenhang mit umfangreichen Interbankengeschäften erklären, die im November 2010 über zentrale Kontrahenten abgewickelt wurden. Andererseits war die monatliche Veränderungsrate im Berichtsmonat leicht negativ (-0,15 %).“ 
In der Tat zeigen die neuesten verfügbaren Daten der EZB, dass sich die M3-Wachstums-Rate weiter (auf Jahresbasis) um 1,6 Prozent im Dezember 2011 verringert hat

Was ist M3 und welche Aussagekraft hat diese Größe tatsächlich bezüglich des gegenwärtigen Zustandes der  Eurozone? Die Bundesbank definiert die Geldmenge wie folgt:
„Als Geldmenge bezeichnet man den volkswirtschaftlichen Bestand an Geld in den Händen von Nichtbanken. Wegen der Unschärfe des Geldbegriffs gibt es verschiedene definitorische Abgrenzungen von Geldmengen. Das Eurosystem unterscheidet drei Geldmengen: M1 (Sichtguthaben + Bargeld), M2 (M1 + kurzfristige Termin- und Spareinlagen) und M3 (M2 + kurzfristige Bankschuldverschreibungen + Geldmarktfondsanteile + Repogeschäfte).“ Siehe dazu auch die Definition der EZB.
Ein zentraler Lehrsatz der Mainstream-Ökonomen besagt nun, dass ausgehend vom Konzept des sog. Geldschöpfungsmultiplikators die Zentralbank die Geldschöpfung kontrolliert. Selbst wenn es in allen gängigen makroökonomischen Lehrbüchern steht und den arglosen Wirtschaftsstudenten immer wieder gnadenlos eingehämmert wird – weder der Geldschöpfungsmultiplikator, noch das Konzept einer von der Zentralbank kontrollierten Geldschöpfung entspricht der Realität! Denn:

Getretener Quark wird breit, nicht stark.

Die geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbank sind heute darauf ausgerichtet, den Wert des kurzfristigen Zinssatzes zu bestimmen. Sie kann in unserem System die Geldschöpfung nicht mehr unmittelbar kontrollieren. Zum Teil mag diese verschrobene Vorstellung noch auf Zeiten zurück zu führen sein, in denen die Zentralbank definitiv den Bestand an Gold kontrollierte. Aber in einem Mindestreserve-System wie dem unseren ist diese Fähigkeit, den Bestand an "Geld" (mit einem lächerlichen Mindestreservesatz von 1%) direkt zu kontrollieren, durch die Nachfrage nach Krediten bei den Geschäftsbanken zur Bedeutungslosigkeit verkommen

Die Vorstellungen der Kundschaft von Geschäftsbanken sind darüber hinaus nicht notwendigerweise identisch mit jenen der Banken. Das gegenwärtig reichliche Angebot von Kredit zu niedrigen Zinsen löst nicht zwangsläufig eine größere Kreditnachfrage aus (und das unabhängig davon, ob die Banken nun aus Gründen der Liquiditätssicherung schärfere Bedingungen an die Kreditvergabe knüpfen oder nicht); Preis- und Absatzerwartungen der Unternehmer und analoge Überlegungen anderer Kategorien von Kreditnehmern können die Zinssatzänderungen weit überspielen. 

Warum aber widmet der Mainstream dann Messgrößen wie M3 so viel Aufmerksamkeit? – Antwort: Weil man dort der Auffassung ist, dass die Inflation das Resultat einer zu schnell wachsenden Geldmenge ist.

Inflation wird aber angetrieben durch ein nominales gesamtwirtschaftliches Nachfragewachstum, welches die Fähigkeit der Wirtschaft übersteigt, effektiv zu reagieren - das heißt, die Produktion und damit die Beschäftigung zu erhöhen, anstatt alles über die Preise zu regulieren. Inflation hat folglich jenseits des monetaristischen Dogmas genau zwei Ursachen bzw. eine Kombination aus beiden: hohe Nachfrage und stark steigende Lohnkosten. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum diese Situation entstehen kann, und einige dieser Gründe basieren auf schlechten politischen Entscheidungen der Verantwortlichen.

Die folgende Grafik aus EZB-Daten zeigt die jährliche Inflationsrate der Eurozone ergänzt um die M3-Wachstumsrate. Es fällt ungemein schwer, hier eine Beziehung zwischen dem Wachstum der Geldmenge M3 (blaue Linie) und der Inflationsrate (rote Linie) zu erkennen.


Dieses Bild sollte jedermann davon abhalten, an einen Zusammenhang zwischen M3-Wachstum und Inflation zu glauben. Es gibt einfach keinen!

Das wird noch deutlicher, wenn man die durchschnittliche jährliche Entwicklung von M3, Inflation und realem BIP im Euroraum seit Gründung der EZB in 1998 verfolgt:

%
M3
Inflation
BIP
1998*
5,1
0,9
2,7
1999
5,8
1,1
2,8
2000
4,8
2,1
3,9
2001
5,6
2,3
2,0
2002
7,3
2,2
0,9
2003
8,1
2,1
0,7
2004
5,8
2,2
2,0
2005
7,4
2,2
1,8
2006
8,5
2,2
3,3
2007
11,2
2,1
3,0
2008
9,6
3,3
0,3
2009
3,0
0,3
-4,2
2010
0,6
1,6
1,8
2011
2,2
2,7
1,6
Gesamt
6,1
2,0
1,6




*Sep-Dez




Das bedeutet
  1. Die EZB war spektakulär erfolglos darin, die Geldmenge bei dem von ihr einst selbst gesetzten Referenzwert von 4,5% jährlich zu halten.
  2. Die Inflation zeigte keine Beziehung zum M3-Wachstum.
  3. Die implizite Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes war alles andere als stabil.
  4. Das M3-Referenzwert-Konzept ist ein unsinniger Indikator und spiegelt die geistige Armut in der Entwicklung der monetären Mainstream-Ökonomie.
Statt das zu erkennen, zu akzeptieren und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen, wird im aktuellen Monatsbericht der EZB verzweifelt nach Gründen für die sinkende Geldmenge gesucht:
„Bei den Gegenposten zu M3 verringerte sich die Jahreswachstumsrate der MFI­-Kredite an Nicht­MFIs im Euroraum im November auf 0,8 % nach 1,6 % im Oktober ... . Dahinter verbarg sich eine Wachstumsbeschleunigung bei der Kreditvergabe an die öffentlichen Haushalte und eine Wachstumsabschwächung bei den Ausleihungen an den privaten Sektor. Die kräftigere Ausweitung der Kreditvergabe an die öffentliche Hand wurde durch Käufe von Staatsschuldtiteln (darunter auch solche, die im Rahmen des Programms für die Wertpapiermärkte vom Eurosystem getätigt wurden) angetrieben, die durch eine rückläufige Jahreswachstumsrate der Buchkredite an öffentliche Haushalte teilweise ausgeglichen wurden.“
Das heißt aber in schlichten Worten nichts anderes, als dass derzeit der private Sektor keine Kredite aufnimmt. Die Periode starken Wachstums der Geldmenge M3 war nämlich in Wirklichkeit allein das Ergebnis der starken Kreditgeldschöpfung der Geschäftsbanken, als private Kreditnehmer den Konsum und die Immobilien-Blase in der Zeit bis zur Krise angeheizt hatten. Das ist nun zu Ende, ebenso wie das Wachstum der Geldmenge M3. Und das bedeutet wiederum, dass sowohl die Geschäftsbanken als auch die Unternehmen kein Vertrauen in die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone mehr haben. Denn das Wachstum der Geldmenge M3 wird durch die Nachfrage nach Krediten, die die Stärke der Wirtschaft spiegeln, angetrieben.

Die Darstellung der EZB hingegen demonstriert eindrucksvoll die Aufrechterhaltung des Mythos vom intakten Bankwesen, wie ihn der Mainstream sieht oder gerne sehen möchte: Banken, die nur das Geld verleihen, was bei ihnen zuvor eingezahlt wurde und eine Zentralbank, die alles überwacht und für den nötigen Zustrom oder Abfluss an Geld im Markt sorgt.

Aber die Banken funktionieren so nicht. Bankkredite werden nicht durch eine Reserve eingeschränkt. Banken verleihen an jeden „kreditwürdigen“ Kunden, den sie finden können und machen sich anschließend Gedanken um ihre Reservepositionen. Wenn sie knapp dran sind (ihre Reserve-Konten müssen jeden Tag einen positiven Saldo ausweisen und in einigen Ländern fordern die Zentralbanken sogar die Einhaltung bestimmter Kennzahlen), dann leihen sie sich untereinander Mittel auf dem Interbankenmarkt oder borgen sich letztlich Zentralbankgeld durch die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität. Allerdings zögern sie meist, diese Anlage zu benutzen, weil sie mit Strafzinsen verbunden ist. Der Punkt ist jedenfalls, dass der Aufbau von Bankreserven nicht die Kapazität der Bank, Geld zu verleihen, erhöht. Kredite schaffen Einlagen, die Reserven erzeugen.

Die oben beschriebenen Sachverhalte lassen darüber hinaus berechtigten Zweifel an der Fähigkeit der EZB aufkommen, die Aufgaben zu erfüllen, für die sie als unabhängige Wächterin der Geldwertstabilität da zu sein gerne vorgibt. 97% der gesamten Geldmenge werden heute von den normalen Geschäftsbanken bei jedem Aktivgeschäft (z.B. Kreditvergabe) erzeugt, also von gewinnorientierten Unternehmen im Privatbesitz. Die meisten Zentralbanken befinden sich darüber hinaus überwiegend in Privateigentum, vornehmlich von Banken. So z.B. auch die italienische Zentralbank, die Banca d’Italia, die drittgrößte Zentralbank, die heute dem Europäischen System der Zentralbanken angehört.

Zentralbanken im Privateigentum, noch dazu im Eigentum von Geschäftsbanken, stellen allerdings eine sehr bedenkliche Konstruktion innerhalb unseres Finanzsystems dar. Denn wie sollen sie schließlich diejenigen wirkungsvoll kontrollieren, in deren Eigentum sie sich selbst befinden? Wer kontrolliert hier wen oder was? Wird der genannte Mythos vielleicht nur deswegen mit allen Mitteln aufrecht erhalten, um die Bevölkerung bewusst im Unklaren über die Zusammenhänge zu halten, aus Angst der Verantwortlichen also, das Bankensystem zu gefährden?


1 Kommentar:

  1. Hallo, sehr schöner Beitrag,

    alles völlig richtig, wachsende Geldmengen = wachsende Kreditmengen = wachsende Tilgungslasten = wachsende DEFLATIONSgefahr.

    hier mein Vorschlag, wie wir die Notenbanken deshalb umbauen sollten:

    http://www.global-change-2009.com/blog/ein-grundlegender-losungsansatz-fur-die-systemkrise-%E2%80%93-notenbanken-werden-zur-%E2%80%9Emonetative%E2%80%9C/2012/01/

    ich verlinke Ihren Beitrag dort jetzt auch in den Kommentaren.

    herzliche Grüße Jörg Buschbeck

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