Donnerstag, 21. Juni 2012

Abschied vom BIP

Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.
So lautet der Amtseid, der vom Bundespräsidenten (nach Art. 56 des Grundgesetzes), vom Bundeskanzler und den Bundesministern (nach Art. 64 des GG) bei ihrem Amtsantritt geleistet wird. An erster Stelle geht es also um das Volk, um dessen Wohlstand sich die Politiker zu sorgen haben.

Diese messen ihre Erfolge vornehmlich am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Seit Jahren gilt es als der Indikator für Wirtschaftskraft und Wohlstand. Denn in der heute verfassten Wirtschaftsweise entsteht ein Zwang zum Wachsen, da Zinsen in aller Regel nur aus einem höheren BIP gezahlt werden können. Generell gilt: Eine auf Dauer stabile Staatsverschuldung ist nur dann gegeben, wenn der Realzins unter dem Realwachstum liegt. Deshalb fordert auch zurzeit der offizielle Politsektor unisono höhere Wachstumsraten als Kernelement der Lösung der Verschuldungskrise, ungeachtet aller täglichen Warnsignale bezüglich einer sich ständig weiter verschlechternden Einkommensverteilung und ökologischer Katastrophen. Aber auf diese Warnsignale wird offensichtlich schon deshalb nicht reagiert, weil das BIP ein ungeeigneter Maßstab ist. Gibt es vielleicht bessere Alternativen?

Dienstag, 19. Juni 2012

Imagekrise


Ständig ist in den Medien von „Schuldenkrise“ die Rede. Da fragt sich der interessierte Laie doch allmählich: Wer oder was hat denn die Schulden bloß in die Krise geführt? Antwort: Ihr Image. Schulden sind immer böse, sparen ist immer gut. Wer viele Schulden hat, ist bald pleite, wer viel spart, ist fein raus. So einfach ist das. Man muss es nur oft genug sagen oder von Experten in Talkshows oder der Boulevardpresse bestätigen lassen und schon glaubt es alle Welt. Zumindest hier in Deutschland. 



In Japan seltsamerweise nicht. Da sind Schulden überhaupt nichts schlechtes, obwohl die prozentual noch bedeutend mehr davon haben als wir hier oder sogar als die Griechen. Kann also nur am Euro liegen, denn die Japaner haben ja den Yen. Und der hat offenbar ein gutes Image. Deshalb bekommen die Japaner nach wie vor von aller Welt bzw. allen Banken Kredit, und zwar sehr günstig. Fazit: Schulden und Euro passt nicht zusammen – der Yen muss her. Zumindest gedanklich. Dann sind die Schulden bestimmt schnell aus der Krise. Aber wenn Schulden plötzlich gut sind, wie steht dann das Sparen da?


Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "ZEW-Konjunkturindex bricht ein" vom 19.06.2012  

Donnerstag, 14. Juni 2012

Das Vertrauen der Märkte

Immer wieder und bereits seit etlichen Jahren ist von der Politik zu hören, es gelte, das Vertrauen der Märkte - gemeint sind die Finanzmärkte - zu gewinnen, zu erhalten oder zurück zu gewinnen. Warum soll das so wichtig sein und für wen ist es das?

Nehmen wir das Beispiel Griechenland. Seit Wochen und Monaten erleben wir das unwürdige und unsinnige Schauspiel, bei dem uns Politiker, Mainstreammedien und -ökonomen vorführen, wie wenig sie vom Bankrott eines Staates verstehen. Einmal ganz abgesehen davon, dass es bis heute keine „gängige Definition“ von „Staatspleite“ gibt (und es auch nicht geben kann, weil die Grundvoraussetzungen für einen Default bei Staaten normalerweise nie gegeben sind), war und ist Griechenland nicht pleite. Denn pleite ist jemand nur dann, wenn sein Vermögen seine Schulden nicht mehr deckt. Nicht nur, dass Staaten in der Regel selbst über ein erhebliches Vermögen verfügen. Sie können darüber hinaus natürlich auch auf das Vermögen und die Einkommen ihrer Bürger zurückgreifen und dadurch quasi ihr Vermögen erhöhen. Auch Griechenland könnte das.

Obwohl die Verschuldung des Landes allein von Anfang 2010 bis Ende 2011 vor allem dank der „genialen Sparauflagen“ der Troika von 110 % des BIP auf über 165 % anstieg, wäre diese Entwicklung noch lange kein Grund für eine Bankrotterklärung. Klassisch ist der Fall Japan, das mittlerweile eine gesamte Staatsschuld von über 235 % aufweist, aber von niemandem für bankrott erklärt wird.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...