Dienstag, 24. Juli 2012

Die Angst der Brandstifter vor dem Feuer

Unsere heimische Ökonomen-Zunft ist nach langen Jahren des Schweigens jäh aus ihrem selbstgerechten Schlaf der kollektiven Unfehlbarkeit gerissen worden. Geweckt durch den ängstlichen Aufschrei einiger selbsternannter Patrioten unter ihnen streitet sie derzeit verbissen um die Richtigkeit einer sogenannten „Bankenunion“, die quasi eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet – und damit um den heißen Brei herum. Trotzdem übertrifft man sich inzwischen gegenseitig in Schuldzuweisungen und persönlicher Diskreditierung, was letzten Endes noch mehr von den eigentlichen Ursachen der entstandenen Unruhe ablenkt.

Der heiße Brei ist nämlich das gespaltene Verhältnis der Ökonomen – insbesondere in Deutschland – zu ihren eigenen logischen Grundlagen. An dieses Thema traut sich jedoch keiner von ihnen so recht heran. Wie üblich werden stattdessen in der wirtschaftspolitischen Diskussion Positionen bezogen, von denen man schon aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge weiß, dass sie nicht haltbar sind. 

Anderenfalls müssten ja die einen auch zugeben, dass ihre wunderschöne Theorie vom Gesundsparen bedauerlicherweise gerade ein Opfer der brutalen Faktenlage in der Euro-Zone zu werden droht, und die anderen, dass ihre Vorstellung von Volkswirtschaftslehre ohnehin recht wenig mit wissenschaftlicher Arbeit zu tun hat. Wenn nämlich die Zusammenhänge etwas verwaschen und die letzten, wenigen harten Säulen des ökonomischen Denkens geschliffen oder gar gestürzt sind, fühlt sich der moderne Ökonom hierzulande am wohlsten. Wenn nichts mehr greifbar ist und sich alles einer gewissen Beliebigkeit erfreut, kann sich jeder zu jedem Thema äußern und seine ureigensten Ziele zum zwingenden Ergebnis des Wirkens ökonomischer Gesetze erklären, ohne dass ihm noch irgendjemand ins Handwerk pfuschen könnte.

Das alles ist wenig zielführend. Wer aber wirklich an der Rettung des Euro interessiert ist, weil er um die Vorteile der Gemeinschaftswährung im Hinblick auf eine prosperierende Wirtschaft zum Nutzen aller Europäer weiß, der sollte nun schleunigst damit aufhören, nach Schuldigen zu suchen oder die ökonomischen Realitäten zu leugnen.

Dienstag, 17. Juli 2012

Augenwischerei

"Die Politik will Banken zwingen, mehr Eigenkapital vorzuhalten. Die wehren sich und sagen, das schade der Konjunktur. Doch die Argumente der Lobby sind nicht stichhaltig."

Mein Kommentar in "ZEIT online" zum Artikel "Die Bankenlobby spielt falsch" vom 17.07.2012:


Außerdem können sich die Geldinstitute auf der Grundlage der mark-to-market-Regel bilanziell gesund rechnen, wobei noch nicht realisierte Gewinne durch Aufblähung der Vermögenswerte die Eigenkapitalquote in die Höhe schießen lassen. So darf es nicht verwundern, dass die eigentlich relevante nicht gewichtete (bezogen auf die Risikopositionen) bilanzielle Eigenkapitalquote selbst bedeutender deutscher Banken bis dato nach wie vor nur bei etwa 2% liegt. Vergleicht man diesen Wert mit den entsprechenden Zahlen nichtfinanzieller Unternehmen, bei denen die Bilanzsumme nicht selten das zwei- bis dreifache des Eigenkapitals aufweist und damit die Eigenkapitalquote bei maximal 50% liegen kann, wird deutlich, wie ein impliziter Rettungsschirm wirkt. Vielen Dank, Frau Merkel. http://tinyurl.com/csfqwc4

Und dann immer diese wüsten Drohungen mit der Kreditklemme. Mal angenommen, die (Schatten-)Banken würden sich tatsächlich weigern, Staatspapiere zu kaufen. Schön, dann wäre es das Einfachste von der Welt, wenn die Notenbank von da an aufhören würde, diesen Spielern direkt oder indirekt Liquidität zu Verfügung zu stellen. Stattdessen würde sie dem Staat dessen Anleihen einfach direkt abkaufen oder in ihr Portfolio übernehmen und ihn dadurch mit Geld versorgen. Was wäre dann? Der ganze Spuk wäre mit einem Schlag vorbei und jeder würde sehen, dass man das Bankensystem in dieser Form und den Casino-Betrieb überhaupt nicht braucht. http://tinyurl.com/cafxo5v


Dienstag, 10. Juli 2012

Bewerbung als Finanzberater


Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

heute erneuere ich an Sie mein Angebot der kostenlosen Dienstleistung als Finanzberater. Leider hat sich seit meiner ersten, vergeblichen Bewerbung vor 15 Monaten die wirtschaftliche Situation für die meisten Menschen in Europa eher noch verschlechtert. Selbst in Deutschland kann von wachsendem Wohlstand nicht die Rede sein. Dabei bin ich mir sicher, dass Sie sich darum bemühen, Ihrem Amtseid gerecht zu werden, selbst wenn inzwischen aus den Problemen, die Sie damals mit der Bankenrettung hatten, nun solche mit der Rettung eines ganzen Währungssystems geworden sind. Hätten Sie damals mal besser über meinen Lösungshinweis nachgedacht.

Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“ beschreibt nun allerdings ein Analyseergebnis, dass Sie, mit Verlaub gesagt, besser ganz schnell wieder vergessen sollten in einem Land, das seit 10 Jahren ununterbrochen Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaftet, also mehr produziert als es verbraucht. Es kann natürlich sein, dass Sie mit „wir“ nur sich selbst und Ihren Ehemann gemeint haben. Ich vermag nicht zu beurteilen, wie sehr sich Ihre persönliche Verschuldung im Hinblick auf Ihr jetziges und zukünftiges Einkommen auf Ihre „Verhältnisse“ auswirkt. Sparsamkeit kann da sicherlich zur Entspannung der privaten finanziellen Situation beitragen.

Was mikroökonomisch sinnvoll erscheint, lässt sich aber nicht ohne weiteres auf eine Volkswirtschaft als Ganzes übertragen. Deshalb sollte Ihr neues Credo von nun an besser lauten: 

„Eine Volkswirtschaft kann nicht sparen.“

Weil, wenn einer spart, es mindestens einen anderen geben muss, der sich in gleicher Höhe verschuldet. Und umgekehrt. So einfach ist dort die Logik - haben Sie als promovierte Naturwissenschaftlerin die finanzpolitischen Empfehlungen Ihrer Mitarbeiter und Berater denn bisher nie darauf hin überprüft?

Lösen Sie sich nun von Ihren Gewohnheiten, treffen Sie auf der Grundlage der neu gewonnenen Einsicht die logisch-konsequenten Entscheidungen und geben Sie dem fairen Diskurs (das Gegenteil erleben wir leider gerade mal wieder beim Ökonomenstreit) einer offenen Gesellschaft eine Chance zur dynamischen Weiterentwicklung.
  • Vorteile für Sie und Ihre Organisation: Sie müssen die Weltwirtschaft nicht länger in die Zukunft wurschteln und sich dabei immer wieder von Krisen überraschen lassen. Das freut die Wirtschaft und die Konsumenten gleichermaßen.
  • Vorteile für den Steuerzahler: Er muss nicht mehr die finanziellen und wirtschaftlichen Folgen dieser Krisen schultern, für die er nichts kann. Gerechtigkeit schafft Vertrauen.
  • Vorteile für Europa: Man braucht keinen ESM und keinen Fiskalpakt und kann sich wieder der Verbreitung der sozialen Demokratie widmen und das allgemeine Wohlstandsniveau steigern. Die Politik schafft den finanziellen Rahmen und die Menschen bauen sich darin ihr Europa.
  • Vorteile für die Umwelt: Eine ökologische Qualifizierung des Wachstums wird möglich, am ehesten durch eine Reform der Geldordnung. Schluss mit der angeordneten Alternativlosigkeit – eine fortschrittliche Gesellschaft wächst mit der freien Wahl ihrer Möglichkeiten.

Mit freundlichen Grüßen


Dienstag, 3. Juli 2012

Gegen die Wand

Früher fürchteten sich die Menschen vor Blitz und Donner oder vor der Pest. Diese „Strafen“ wurden in Verbindung mit den begangenen Sünden gebracht, weshalb man Gnade und Vergebung bei den Göttern suchte. Heute sind wir für unsere Ängste selbst verantwortlich, weil wir sie größtenteils selbst heraufbeschwören.
Es sind Bedrohungen von Menschenhand, die unsere existentiellen Ängste, ein Urgefühl menschlichen Daseins, schüren. Wir wissen inzwischen, dass es nie ein Leben ohne Angst geben wird. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Neben der Verdrängung, also dem Nicht-wahrhaben-Wollen der Angst, beschreibt die moderne Psychologie noch weitere Abwehr- und Bewältigungsformen. Einige der wichtigsten lassen sich unzweifelhaft bei den Polit- und Finanzmarktakteuren ausmachen: Aktionismus, Gewohnheiten, Streben nach Macht, Besitzsucht und übermäßiges Rivalisieren. Am Beispiel der beiden ersten Formen soll im Folgenden auf einige Aspekte der aktuellen Krise eingegangen werden.

Aktionismus
Aktionismus ist vielleicht die am meisten verbreitete Art, mit Angst umzugehen. Denn ein gewisser Aktionismus wird in unserer Gesellschaft gerne als Leistung missverstanden und honoriert. Das zeigt auch das Muster der systematischen politischen Nichtbewältigung gewisser ökonomischer Vorgänge auf:

An den Finanzmärkten geht es den Akteuren vornehmlich darum, bestimmte Vermögenstitel möglichst günstig ein- und anschließend möglichst teuer wieder zu verkaufen. Der Preis eines Vermögenstitels steigt dort aber nicht dann, wenn es aufgrund der realwirtschaftlichen Fundamentaldaten zu erwarten wäre, sondern dann, wenn viele Finanzmarktteilnehmer davon überzeugt sind, dass der Preis dieses Titels steigen wird oder wenn sie an eine allgemeine Hausse am Markt glauben. Das bedeutet, dass der Erfolg eines Akteurs dort von den Informationen abhängt, die er über Informationen besitzt, die voraussichtlich die Erwartungen der Masse der Marktteilnehmer in ihrer Kaufentscheidung leiten werden. 

Eine derartige Herdenbildung, die an den Finanzmärkten systematisch falsche Preise erzeugen kann, die nichts mehr mit Angebot und Nachfrage an den realen Märkten zu tun haben, bildet den Normalfall. Und obwohl dieser Herdentrieb zweifelsfrei als wesentliche Ursache der Finanzkrise von 2007 genannt werden muss, bleibt dessen Bekämpfung bei den politisch Verantwortlichen bislang in verbalen Ankündigungen stecken. Eine ernst zu nehmende und breite politische Diskussion darüber, welche Schäden dieses permanente Zocken der Herden nach wie vor für die Gesamtwirtschaft und den allgemeinen Wohlstand erzeugt, gibt es bis heute nicht wirklich. Von Regulierung wird höchsten in dem Sinne gesprochen, dass man unter gewissen Bedingungen bereit ist, etwas Sand ins Getriebe zu streuen: siehe die geplante Finanztransaktionssteuer.

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